Wenn London und Washington sich hinter Athen verstecken


- Auszug GEAB N°55 (17. Mai 2011) -



Wenn London und Washington sich hinter Athen verstecken
Griechenland genießt wieder die volle Aufmerksamkeit der angelsächsischen Medien. Doch der Trick ist schon aus dem letzten Jahr bekannt. Letztes Jahr wurde die „Griechenlandkrise“ aufgebauscht, um davon abzulenken, dass Großbritannien angesichts seiner katastrophalen Haushaltslage und der instabilen politischen Lage nach einer Parlamentswahl ohne Mehrheitspartei viel näher an einem Staatsbankrott war als eines der Euroländer. Der Plan ging auch auf, denn so fiel niemandem auf, dass Großbritannien sich ein Sparprogramm verordnet hat, bei dem der IWF, der nicht mehr ideologisch verbohrt ohne Blick auf soziale und wirtschaftliche Verträglichkeit brutalste Sparprogramme aufzwingt, wohl gezögert hätte, es Großbritannien aufzuerlegen.

Aber diese Kampagne war ein Pyrrhus-Sieg für die angelsächsische Finanzwelt. Zum einen motivierte sie Euroland zu einem institutionellen Putsch, mit dem Großbritannien aus den Entscheidungen Eurolands hinausgedrängt wurde und Euroland einen großen Sprung in Richtung seiner Souveränität gemacht hat, und sich jeden Tage ein wenig mehr mit den notwendigen Mitteln und Governance austattet (1), um die Finanzkrise meistern zu können. Zum anderen hat sich das brutale Sparprogramm der britischen Regierung (2), auch wenn es von ihrem Premierminister in hohle Phrasen von einer „grand society“ gehüllt wurde, sozial, wirtschaftlich und haushälterisch als großer Reinfall entpuppt. Dass im ersten Quartal 2011 Griechenland, das von der angelsächsischen Presse als einzige Katastrophe beschrieben wird, ein größeres Wachstum verzeichnen konnte als Großbritannien, sollte doch eigentlich den Zeitungen ein paar Schlagzeilen Wert sein.

Nach unserer Auffassung ist die große Rückkehr Griechenlands in die Finanzmedien, wobei sogar so unverständliche Szenarien wie ein Austritt Griechenlands aus dem Euro entworfen werden, ein Zeichen dafür, dass in Großbritannien die Krise wieder an einen kritischen Punkt gelangt ist. Und wohl auch in den USA, denn diesmal beteiligen sich die amerikanischen Meiden in vollem Umfang an der Kampagne. Es besteht dafür auch sehr wohl Grund, schließlich haben sie zu verschleiern, dass QE2 ausläuft. Nur so können sie die unvermeidlichen Folgen für US-Staatsanleihen und den Dollar noch etwas hinauszuschieben (3).

Großbritannien ist damit auf die Ausgangssituation vom Mai 2010 zurückgeworfen; aber nun hat das Land sein ganzes Pulver verschossen. Auch in der britischen Politik ist wieder eine Krise ausgebrochen. Die Koalitionspartner der Konservativen, die Liberaldemokraten, sind in Umfragen massiv eingebrochen. Inzwischen haben sie verstanden, dass sie sich in den Koalitionsverhandlungen über den Tisch haben ziehen lassen (4) und werden sich nunmehr weigern, immer als Sündenböcke für die härtesten Einsparungsmaßnahmen der Regierung Cameron zu dienen. Die politische Instabilität Großbritanniens, die im Mai gerade noch vermieden werden konnte, wird nunmehr zum Dauerzustand werden. Mit der Möglichkeit eines Referendums über die schottische Unabhängigkeit, das durch den Erdrutschsieg der schottischen Unabhängigkeitspartei in den Bereich des Denkbaren geraten ist, besteht sogar die theoretische Gefahr eines Auseinanderbrechen des Landes (5). Und auch sozial ist die Lage nun nachhaltig gespannt, wie man an den riesigen Demonstrationen im letzten April sehen konnte, über die die Presse jedoch kaum berichtete. während deutlich kleinere Demonstrationen in Athen überall auf die erste Seite kamen. Alle makro-ökonomischen Indikatoren zeigen inzwischen wieder nach unten (6), während die Neuverschuldung auf hohem Niveau verharrt. Da wird in Großbritannien eine neue Staatsschuldenkrise wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Im zweiten Halbjahr 2011 wird die Krise in den Peripheriestaaten Eurolands sicherlich noch für einige Unruhe sorgen. Aber wie wir schon in der 50. Ausgabe des GEAB schrieben: Die hauptsächliche Folge dieser Entwicklungen wird darin bestehen, dass Euroland eine Umschuldung beschließen wird und damit auch die privaten Investoren, einschließlich der Banken, ihren Beitrag zur Lösung der Krise leisten müssen. Aber wir beharren auf unserer Vorhersage, dass Hauptverursacher der explosiven Fusion der Krisen im zweiten Halbjahr 2011 nicht Griechenland, Portugal und Spanien sein werden, sondern die USA (7), Großbritannien und Japan. Denn auch Japan, mit schwacher politischer Führung in der Zwickmühle katastrophenbedingter Rezession und Rekordverschuldung steht nun in der ersten Reihe der gefährdeten Länder (8).

Prozentzahl der verloren gegangenen Arbeitsplätze in Europa und den USA (März 2003 – 2011) (in % der Entwicklung der Quote der aktiv Beschäftigten, abhängig von der Zahl der Monate) - Quellen: Berruyer-LesCrises, Eurostat, 05/2011
Prozentzahl der verloren gegangenen Arbeitsplätze in Europa und den USA (März 2003 – 2011) (in % der Entwicklung der Quote der aktiv Beschäftigten, abhängig von der Zahl der Monate) - Quellen: Berruyer-LesCrises, Eurostat, 05/2011

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Noten:

(1) Wir erinnern daran, dass unser Team lediglich Tatsachen analysiert. Ob man der europäischen Integration oder der Gemeinschaftswährung positiv oder ablehnend gegenüber steht, muss davon getrennt werden. Diejenigen, die das Auseinanderbrechen der Eurozone vorhersagten, lagen falsch, und ihre Einschätzung weicht jeden Tag weiter von der Wirklichkeit ab. Denn heute ist Euroland wesentlich besser als vor einem Jahr ausgerüstet, um Maßnahmen gegen die Finanzkrise zu ergreifen. Im Übrigen wollen wir auch in Erinnerung rufen, dass diejenigen, die unseren Empfehlungen über die Wechselkursentwicklung Euro/Dollar von vor einem Jahr vertrauten, zufrieden sein können, während die, die auf die Anti-Euros und ihre Prognosen von einem Euro für einen Dollar gehört haben viel Geld verloren haben. Und wir bestätigen wieder einmal, dass wir keinerlei Gefahr sehen, dass Euroland kurz- oder mittelfristig auseinanderbricht. Das wahre Risiko für Europa und im Euroland im Besonderen besteht in der mangelnden demokratischen Legitimation, die eine dauerhafte Schwäche ist, weil es dazu führt, dass die Menschen sich auf Dauer von dem Projekt Europa abwenden. Dieses Risiko könnte sich ab der Mitte dieses Jahrzehnts realisieren. Die Gemeinschaftswährung hingegen ist fest. Selbst die Rechtsextremen werden sich mit dem Euro abfinden. Schließlich « Ist Paris eine Messe wert » und ihnen fehlt eine glaubhafte Wirtschaftspolitik. Natürlich steht es jedem frei, die Tatsachen, wie sie sind, zu ignorieren und ihrer Jugend und der Mark, der Lire, dem Gulden oder dem Franken, mit dem sie damals bezahlten, nachzutrauern. Wenn die eigene Jugend allerdings so sehr von Geld geprägt war, sollte sie eigentlich nicht Anlass für soviel Sehnsucht sein.

(2) Im Übrigen ließ David Osborne, der britische Finanzminister wissen, er « sei sehr glücklich, dass Großbritannien nun in die Gruppe der sieben Länder aufgenommen wurde, die der IWF « überprüfe ». Quellen: Independent, 16/04/2011; Journal des Finances, 16/04/2011

(3) Wie wir schon seit mehreren Jahren immer wieder schreiben: Vom Ende der Dollarvormacht wird nicht nur der Euro profitieren. Auch der brasilianische Real, der russische Rubel und die indische Rupie werden große Gewinner dieser Entwicklung sein. Das sagen inzwischen auch die “Experten” vorher, die vor drei Jahren noch eine solche mögliche Entwicklung kategorisch ausschlossen: Spiegel, 10/05/2011

(4) Quelle: New York Times, 11/05/2011

(5) Quelle: Irish Times, 07/05/2011

(6) Quelle: The Independent, 28/04/2011

(7) Einschließlich der Insolvenzen der Bundesstaaten und der Städte, Kreise und Gemeinden. Um sich eine Vorstellung von der prekären finanziellen Lage der US-Gebietskörperschaften zu machen, reicht es zu lesen, dass MarketWatch vom 13/05/2011 inzwischen Las Vegas mit Detroit vergleicht; oder im Herald Tribune vom 12/05/2011 die Information zu finden, dass die Städte inzwischen die gemeinnützigen Stiftungen um Geld angehen. Und man kann sich fragen, wie stark eigentlich ein Staat ist, der akzeptiert, dass sich so wohlhabende Einrichtungen der Pflicht entziehen können, zum Erhalt und Ausbau einer Infrastruktur, die sie in vollem Umfang nutzen, beizutragen.

(8) Hinsichtlich dreier Faktoren ist die Lage in Japan, Großbritannien und den USA identisch: gigantische Verschuldung und Defizite, Rezession und entscheidungsschwache und handlungsunfähige Regierung. Für die kommenden Quartale braut sich da ein explosiver Cocktail zusammen.

Jeudi 1 Septembre 2011

GEAB N°62 - Zusammenfassung

- 17. Februar 2012 -

Euroland 2012 bis 2016: Entstehung einer neuen globalen Macht… wenn ihre Demokratisierung gelingt
Wie bereits angekündigt präsentiert LEAP/E2020 in dieser 62. Ausgabe des GEAB seine Vorhersagen zu Europa für die Jahre 2012 bis 2016. Im Kontext der umfassenden weltweiten Krise werden für die Europäer zwei große Tendenzen diese fünf Jahre prägen: Zum einen wird Euroland dauerhaft zu einer globalen Macht aufsteigen; und zum anderen werden die europäischen Eliten endlich das demokratische Defizit im europäischen Integrationsprozess beseitigen müssen, da ansonsten jegliche weitere positive Entwicklung für Europa ausgeschlossen ist… (Seite 2)
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2013: Ende der Vorherrschaft des US-Dollars als wichtigstes Zahlungsmittel des Welthandels
In dieser 62. Ausgabe des GEAB wollen wir uns im Detail mit der Entwicklung der Rolle des Dollars in der Weltwirtschaft befassen, insbesondere mit dem Anteil am Gesamtwelthandel, der in dieser Währung abgewickelt wird. Wir halten dies für einen viel schlüssigeren Indikator, um den „Fall der Dollarmauer“ vorhersagen zu können, als der, der üblicherweise von internationalen Medien und Experten herangezogen wird, nämlich den Anteil des Dollars an den globalen Währungsreserven… (Seite 12)
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Buch - 2015: Der Zusammenbruch des Immobilienmarkts in den westlichen Staaten
In dieser 62. Ausgabe des GEAB ist es uns eine besondere Freude, unseren Lesern den Vorabdruck eines Auszugs aus dem Buch „2015 – Der Zusammenbruch des Immobilienmarkts in den westlichen Staaten“ präsentieren zu können. Dieses Buch wird im März 2012 vom Verlag Anticipolis herausgegeben. Es wird auf Französisch, Englisch und Deutsch vorliegen. Dieser Auszug befasst sich mit dem Umfang der Preisrückgänge auf den bedeutenden Märkten für Wohnimmobilien in den westlichen Staaten, die Sylvain Périfel und Philippe Schneider, die beiden Co- Autoren des Buches, bis 2015 vorhersehen… (Seite 20)
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GEAB-$-Index vom Januar 2012: Der Wertverlust des US- Dollars im Vergleich zu einem Währungskorb aus Euro, Yuan, Yen und Real beschleunigt sich
Wir haben in vielen Ausgaben des GEAB bereits begründet, warum wir der Auffassung sind, dass der Dollar Index den Wert des Dollars und seine Entwicklung nicht zuverlässig misst. Denn er basiert auf einem Korb von Währungen, die nicht mehr die Wirtschaftsleistungen weltweit und die Handelsumsätze der USA korrekt wiederspiegeln. Der Währungskorb setzt sich ausschließlich aus willkürlich gewählten Währungen der westlichen Welt zusammen; sozusagen ein G8 der Währungen, genauso wenig repräsentativ und genauso ohne Legitimation, sich für das Maß aller Dinge in Währungsfragen zu halten wie der G8 in seinem Anspruch, eine Art Weltregierung darzustellen… (Seite 22)
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Der GlobalEurometer - Ergebnisse & Auswertung
Mit 69% der Befragten (gegen 58% im Vormonat), die in den nächsten Monaten mit einem starken Wertverlust des Dollars rechnen, wächst die Mehrheit derjenigen, die die Zukunft der amerikanischen Währung pessimistisch sehen, in beeindruckender Weise… (Seite 26)
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