GEAB N°89 ist angekommen! Umfassende weltweite Krise 2015 – Die Weichen sind auf Zukunft gestellt; Europa wird der Kriegslogik des westlichen agers entrinnen


- Pressemitteilung des GEAB vom 15. November 2014 (GEAB N°89) -



Seit 2006 analysiert der GEAB die Entwicklung, für die wir von Anfang an den Begriff der ‚umfassenden weltweiten Krise‘ geprägt haben, und sagen deren Ablauf Etappe für Etappe voraus. Dass wir in einer Krise sind, bezweifelt seit 2008 niemand mehr. Auch dass sie weltweit ist, ist anerkannt. Aber hat die Welt verstanden, dass sie auch umfassend ist (neudeutsch systemisch), also alle Sektoren und Bereiche der aktuellen Weltordnung (politisch, wirtschaftlich, finanziell, sozial, geopolitisch etc.) ergriffen hat?
Der sichtbare Teil dieses Systemwechsels, den niemand mehr in Zweifel zieht, ist das Auftauchen von neuen, sehr großen internationalen Akteuren, die die Weltordnung, wie sie von den USA nach dem 2. Weltkrieg errichtet und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vollendet worden war, in Frage stellen.

Deshalb sprechen wir im GEAB seit langem von der mächtigen Grundtendenz, dass eine multi-polare Welt entstehe, die Reformen der bestehenden internationalen Institutionen erfordert oder, sollte dies nicht gelingen, die Errichtung einer neuen Welt- Governance (in einem noch zu innovativen, noch nicht näher bestimmbaren Prozess, bei dem nach unserer Auffassung Europa dank seiner einzigartigen Erfahrung der Integration staatlich souveräner Strukturen unterschiedlicher Größe und Bevölkerungszahl in einer überstaatlichen Struktur eine historische Rolle einzunehmen hätte).

Und es gibt eine weitere mächtige Grundtendenz mit enormen Strukturierungspotential für die entstehende neue Weltordnung, über die weitgehend Einigkeit herrscht, nämlich das Internet, das nicht nur die Wirtschaftsströme weltweit erleichtert, sondern de facto die Voraussetzung schafft, dass die ganze Welt miteinander vernetzt ist und damit eine neue, horizontale globale Gesellschaft entstehen kann. Das ist eine Art gesellschaftlicher Strukturierung, die sich ganz wesentlich von der hierarchischer Gesellschaften, die im 19. Jahrhundert entstanden waren und die offiziell weiterhin das Grundmodell unserer politisch- institutioneller Systeme auf nationaler, internationaler und supra-nationaler Ebene liefern, unterscheidet: Organisationstrukturen in Pyramidenform wandeln sich in horizontale Netzstrukturen (1).

Eine kombinierte Betrachtung dieser beiden großen Tendenzen hilft uns, eine Vorstellung zu entwickeln, wie die Welt von Morgen aussehen wird : Ein weltweite Bürgergesellschaft, die sich als weitgehend auto- organisiertes Netzwerk entwickelt und für die ein Modell ihrer politischen Institutionen erst noch entwickelt werden muss. Es ist davon auszugehen, dass dieses Modell sich aus kleinen und flachen Strukturen der politischen Koordination (2) zusammensetzen wird, die in Entsprechung zu ihrer Zuständigkeit in soziale Netzwerke integriert sind (3).

Aber bevor ein solches System offiziell geschaffen werden kann, ergibt sich die grundsätzliche Schwierigkeit, wie die Zukunftsdynamiken in das alte hierarchische, wie eine Pyramide aufgebaute System integriert werden können, oder, falls dies nicht gelingt, es überwunden werden kann. Wir vertreten die Auffassung, dass sich zurzeit dieser Kampf zwischen dem alten System und den neuen Entwicklungen abspielt: Ein System mit quasi-imperialem Anspruch der Allzuständigkeit innerhalb seines Herrschaftsgebiets gegen ein System der Koordinierung unabhängiger politischer Entitäten; repräsentative Demokratie gegen Organisation unmittelbarer Bürgerbeteiligung, Pyramide gegen Netzwerk, militärisch durchgesetzte Kolonialisierung gegen weltweiten Handel nach gemeinsam vereinbarten Regeln, nationale Systeme gegen post- nationale Systeme, fossile Energieträger gegen erneuerbare Energien, Schwer- ‚Wirtschaft‘ gegen digitale Wirtschaft, Banken gegen dezentrale Finanzströme, Arbeitnehmerschaft gegen Online- Projektarbeit, VN- Institutionen gegen BRICS und vergleichbare Staatenvereinigungen usw.

Da den Akteuren der Welt von Gestern jedes Verständnis für diese zukunftsweisende Entwicklung fehlt, versuchen sie gegenwärtig mit den klassischen Unterwerfungsmethoden (Finanzen, Armee, Religion oder Ideologie), die „natürliche“ Entwicklung der Welt zu verhindern. Natürlich wird dieser Kampf scheitern, aber abhängig davon, wie lange er sich hinziehen wird, bevor sich diese Akteure der alten Welt in die neue fügen, können die Schäden, die unter den Menschen angerichtet werden, bedeutend sein.
Vor diesem Hintergrund der systemischen Umwandlung der Welt präsentieren wir wie in jeder Ausgabe unsere Analyse der neuesten Entwicklungen: Der wachsende Einfluss Chinas und der BRICS auf die wirtschaftliche und geopolitische Lage, das Ende der zunehmenden europäisch-russischen Verwicklung in die Ukraine-Krise, Infarkt der europäischen Nationalstaaten, Hoffnung auf eine Wiederauferstehung durch die europäische Ebene.

Die Globalisierung ‘nach chinesischer Art’ setzt sich fort

Und die Chinesen erzielen beeindruckende Erfolge. Im letzten Monat beschrieben wir, wie die Welt immer chinesischer wird. Diesen Monat zeigen uns einige internationale Ereignisse, welche Auswirkungen diese ‚Chinesierung‘ der Globalisierung auf die Welt- Governance zeitigt:

Zum ersten Mal verpflichten sich die Amerikaner in einem US- chinesischen Klimaschutzabkommen zu einer Reduzierung ihres CO2- Ausstoßes um 28% bis 2025 (4). Dieses Abkommen ist dabei für die Amerikaner viel einschränkender als für die Chinesen, die sich lediglich verpflichten, ab 2030 mit der Reduzierung zu beginnen. Auch wenn wohl der US- Kongress eine solche grundlegende Neuausrichtung der amerikanischen Klimapolitik nicht ratifizieren wird, stellt dieses Abkommen doch den ersten Fall dar, wo in einem bilateralen Abkommen der Vorteil nicht mehr auf Seiten der Amerikaner liegt. Auch wird in diesem Abkommen einer wichtigen Tatsache Rechnung getragen: Ein Chinese ist nur für einen jährlichen CO2- Austausch von 7 Tonnen verantwortlich, ein Amerikaner für 16 Tonnen. Schon seit langem ist herrschende Meinung, dass von den Amerikanern ein besonderer Einsatz zu verlangen ist. Aber die Amerikaner haben dies immer mit einem Hinweis auf die von China ausgestoßene CO2- Gesamtmenge abgelehnt, wobei diese Umweltschutzforderungen nichts weiter waren als Versuche, die chinesische Wirtschaftsentwicklung und Nachfrage nach Öl (die die Preise nach oben treiben) zu hemmen.

Auf dem APEC- Gipfel vom 8.-10.November war zu sehen, wie wichtig China inzwischen auf der globalen Bühne geworden ist (5). Nicht nur wurde das Klimaschutzabkommen mit den USA unterzeichnet, sondern viele weitere Abkommen zur Handelsliberalisierung wie zu Visafreiheit, Devisen, Sicherheit und Umwelt, ein bilaterales US- chinesisches Handelsabkommen, ein Freihandelsabkommen zwischen China und Südkorea (das ein entscheidender US- Verbündeter in Asien ist); dazu kamen Fortschritte bei der Entschärfung von Territorialkonflikten zwischen China und einigen seiner südostasiatischen Nachbarn (Philippinen, Japan, Vietnam); insbesondere der japanische Premier Abe zeigte sich gegenüber China verständnisbereit. Die Globalisierung ist wieder auf dem Vormarsch, diesmal aber unter chinesischem Vorzeichen, was sie zu einer anderen Globalisierung macht.

Anläßlich des Gipfels unterzeichneten China und Kanada auch Verträge von einem Gesamtvolumen von 2,5 Milliarden Dollar und vereinbaren Währungsgeschäfte in Yuan. Im letzten Monat waren Europa und Russland der chinesischen Charmeoffensive ausgesetzt, diesen Monat war Nordamerika an der Reihe – nur mussten die Chinesen diesmal dafür noch nicht einmal ins Flugzeug steigen; die Nordamerikaner kamen nach China.
Sogar auf dem ASEAN-Gipfel vom 9.-13. November in Birma, eigentlich immer ein unangenehmes Forum für China, da immer wieder Bühne für Debatten zu zahlreichen Gebietskonflikten zwischen China und ASEAN-Staaten, lief es hervorragend für China, das u.a. erreichte, dass die ASEAN- Staaten anerkannten, dass die Chinesen zu Recht fordern, diese Konflikte (6) bilateral zu verhandeln; in diesem Rahmen wurde auch ein ASEAN-China-Freundschaftsvertrag geschlossen, den die Chinesen sogleich mit einem Kredit von 20 Milliarden mit Leben erfüllten.

Der G20-Gipfel vom 15./16. November in Brisbaine in Australien hat sich das Ziel gesetzt, eine Reform der internationalen Organisationen auf die Schienen zu setzen. So will die G20 ihre Nützlichkeit nachweisen. Der G20 soll eigentlich ein Spiegelbild der Welt des 21. Jahrhunderts sein. Gelingt ihr insoweit kein Erfolg, wird sie nicht von Dauer sein. Durch dieses sehr legitime Ultimatum haben die BRICS das Schwergewicht der Gipfel- Tagesordnung bestimmt und besitzen nun ein Mitspracherecht bei dem Prozess der Kompromisssuche mit dem US- Kongress, der eine Reform des IWF, die den Schwellenländern mehr Einfluss sichern soll, verhindern möchte (7). Die dafür richtige Strategie ist bereits vereinbart: Auf eine Gesamtreform soll verzichtet werden, vielmehr sollen die einzelnen Bereiche Stück für Stück abgearbeitet werden. Damit können die Veränderungen per Mehrheitsentscheidung durchgesetzt werden und ein US- Veto wird unzulässig. Das Ziel ist bedeutend und die Lösung ist greifbar. Wir gehen davon aus, dass unter Führung der BRICS die G20 bis Jahresende Erfolge verzeichnen kann.

Im Rahmen der WHO konnte Indien den beeindruckenden Erfolg erzielen, sich bei den Verhandlungen zum Bali- Abkommen durchzusetzen. Dafür müssen noch nicht einmal die Vertragstexte geändert werden; Indien gelang es, dass sein Programm zur Ernährungssicherheit als vertragskonform akzeptiert wurde und konnte das Abkommen unterschreiben. Allerdings hätte die WHO ein erneutes Scheitern wohl nicht überlebt (8).

Im Irankonflikt ist inzwischen der Einfluss Russlands, Chinas und auch Deutschlands in den Verhandlungen von entscheidender Bedeutung. Am 24. November soll ein Kompromiss zur Beilegung der Streitigkeiten gefunden werden, damit die Sanktionen aufgehoben werden können und Iran wieder auf die Weltbühne zurückkehren kann. Dann könnte er auch die Rolle spielen, die ihm bei der Befriedung des Mittleren Osten qua seiner Größe und Lage zufallen muss. Wir gehen trotz der bestehenden Schwierigkeiten davon aus, dass am 24. November eine Lösung gefunden wird (9).
All diese Entwicklungen in gerade einmal einem Monat. Die Welt scheint sich wieder zu bewegen, angetrieben von den Dynamiken der Schwellenländer. Die Welt ist nun multi-polar, friedfertig, offen, und auch der Westen findet darin seinen Platz.

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Noten:
(1) Allein schon in dieser Terminologie erkennt man, dass der ‘Staat’ als Nationalstaat immer noch der allgemeine Bezugspunkt des politischen und institutionellen Denkens ist.
(2) Wobei noch festzulegen sein wird, in welcher Weise sie mit demokratischer Legitimität ausgestattet werden können.
(3) Als Beispiel : Ein Sekretariat für die Koordinierung der Politiken der Gemeinschaft der Europäerinnen und Europäer (CE) könnte eine kleine dezentralisierte Struktur sein (aus nur einer Handvoll Personen, die noch nicht einmal an einer gemeinsamen Arbeitsstelle sitzen müssen), die im Netzwerk Aktionen koordinieren, auf die sich die Menschen in Europa im Rahmen eines legitimen Entscheidungssystem geeinigt haben; es geht uns darum zu zeigen, wie sehr sich die Struktur im Jahr 2030 von der gegenwärtigen unterscheiden wird, wollen aber nicht den Anspruch erheben, dieses Modell im Einzelnen zu entwickeln.
(4) Quelle : EUObserver, 12/11/2014
(5) Dieser Artikel des The Economist stimmt in seinen Analysen mit unseren Überlegungen überein, so dass wir seine Lektüre besonders empfehlen möchten.
(6) Was (insbesondere) in soweit den amerikanischen Internventionismus besiegelt. Quelle: 13/11/2014 Reuters, 13/11/2014
(7) Quelle : China Post, 09/11/2014
(8) Quelle : Deccan Chronicle, 14/11/2014
(9) Insbesondere in der Septemberausgabe des GEAB analysierten wir im Detail, wie wichtig die Integration des Iran in eine Friedensstrategie für den Mittleren Osten ist.

Dimanche 16 Novembre 2014
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GEAB N°90 - Zusammenfassung

- 15. Dezember 2014 -

Umfassende weltweite Krise 2015 – Erdöl, Währungen, Finanzmärkte, Soziales, Mittlerer Osten : Schwerste Stürme ziehen über die westlichen Staaten dahin

- « Umfassende weltweite Krise : Das Ende des Westens, wie er nach dem 2. Weltkrieg entstanden war“
- Die Erdölkrise ist umfassend (systemisch), da sie einhergeht mit dem Ende der Erdölzeit
- Die neue amerikanische Wirklichkeit
- Europa nach der Ukraine-Krise : Viele Fragen bleiben offen
- Drei Aufgaben für das neue Europa : Überwindung der Ukraine-Krise, Wiederbelebung der europäisch- russischen Beziehungen, Vermeidung eines europäischen QE
- Mittlerer Osten : Der große Tanz der traditionellen Bündnisse
- Saudi-Arabien und der Iran : Die Verbündeten wechseln das Lager
- Und was bleibt von den « westlichen Werten » ?
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2015 – Eine neue Phase der umassenden weltweiten Krise: Die umfassende Erdölkrise
- Die Auswirkungen der Spekulation
Preiskrieg
- Systemische Ölkrise und der Finanzsektor
- Systemische Ölkrise und Geopolitik
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Investitionen, Trends und Empfehlungen

- Erdöl: Äußerste Vorsicht ist geboten!
- Energieintensive Wirtschaftsektoren wie Fluglinien
- Erneuerbare Energien: Die Guten und die Schlechten
- 2015: Euro&Yen legen wieder zu
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(vgl. 81. Ausgabe des GEAB von Januar 2014): Erfolgsquote liegt bei 69%
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