GEAB N°78 ist angekommen! Die De- Amerikanisierung der Welt hat begonnen - bis 2015 werden wir auf dem Weg zur neuen multipolaren Welt ein gutes Stück voran gekommen sein


- Pressemitteilung des GEAB vom 16. Oktober 2013 (GEAB N°78) -



Es gibt immer wieder Momente, in denen Geschichte sich beschleunigt. Unabhängig davon, wie die Verhandlungen über den shutdown und die Anhebung der Schuldenobergrenze ausgehen, ist Oktober 2013 einer dieser Momente. Wer bisher noch bedingungslos die USA unterstützte, muss sich angesichts dieses Kaspertheaters in Washington umorientieren. Einem Chef folgt man, weil man in respektiert oder fürchtet, nicht aber, wenn er eine Witzfigur abgibt.

« Auf dem Weg zu einer de- amerikanisierten Welt ». Noch vor wenigen Jahren wäre einer solchen Ansage mit herablassendem Lächeln begegnet worden. Wahrscheinlich hätten viele sie als eine der üblichen Provokationen von Hugo Chavez eingestuft. Aber wenn die Welt live miterleben kann, wie sich die USA in die Zahlungsunfähigkeit steuern und eine offizielle chinesische Presseagentur mit dieser Schlagzeile aufmacht (1), ist die Wirkung eine andere. Es wird dabei jedoch lediglich ein Prozess beschrieben, der bereits weit fortgeschritten ist. Was sich geändert hat, ist lediglich, dass es heute kein Tabu mehr ist, darüber zu schreiben. Die Blockade der amerikanischen Regierung bringt wenigstens den Vorteil mit sich, dass viele sich nun mit ihrer Einschätzung vom Niedergang Amerikas aus dem Busch trauen (2). Und die Tatsache, dass dieser Artikel in einem chinesischen Medium erschienen ist, ist ein weiterer Beleg dafür, dass die chinesische Regierung nunmehr keine Rücksicht mehr auf die USA nimmt.

Die gesamte Welt sieht fassungslos zu, wie die amerikanischen Eliten sich wie die Kesselflicker streiten und stellt sich nur noch die Frage, wie sie am besten sicherstellen, nicht vom Sturz der früheren alleinigen Supermacht mitgerissen zu werden. Jeder versucht, sich von den USA abzukoppeln. In den letzten Wochen haben sie auch wirklich den letzten Rest an Vertrauenswürdigkeit mit nicht nachvollziehbaren Manövern verspielt: Syrien, tapering, shutdown und nun die Anhebung der Schuldenobergrenze. Die legendäre Macht der USA ist nur ein Schatten ihrer selbst, und angesichts des wankenden Riesen strebt die Welt nun an, sich vom amerikanischen Gesellschaftsmodell zu emanzipieren, sich zu „de- amerikanisieren“.

Die Perspektive, dass die Welt sich von den USA emanzipieren könne, die nun endlich öffentlich erörtert wird (3), lässt plötzlich eine ganze Reihe von Optionen als konkrete Lösungen aufscheinen, die bisher als reine Glasperlenspiele ohne Chance auf Umsetzung galten. Diese Optionen beschleunigen die Entstehung der Welt nach der Krise, eine multipolare Weltordnung, die sich auf der Grundlage großer regionaler Blöcke organisiert. Wir werden in dieser Ausgabe des GEAB vorab das gegenwärtige amerikanische Fiasko analysieren, bevor wir uns anschließend den Staaten widmen, die diese im Wandel befindliche Welt gestalten. Im Kapitel Teleskop werfen wir einen Blick auf den konkreten Zustand der amerikanischen Gesellschaft und zeigen, wie hinter dem Trugbild der Aktienkursrekorde und immenser Bankenprofite der american way of life in sich zusammen gebrochen ist; die Erkenntnis davon wird übrigens ein wichtiger Faktor der globalen Absatzbewegung vom US- Lebens- und Gesellschaftsmodell sein. Schließlich präsentieren wir in dieser Ausgabe unsere jährliche Aktualisierung der Länderrisikenübersicht wie natürlich auch die traditionellen Empfehlungen (beide im Fokus) und zuletzt den GlobalEurometer.

Inhalt der gesamten Veröffentlichung:
1. « NO WE CAN’T »
2. EINE ABFOLGE VON KRISEN
3. SHUTDOWN : DIE WELT LACHT EIN BITTERES LACHEN
4. DE- AMERIKANISATION AUF ALLEN EBENEN
5. DER PETRODOLLAR IST TOT, LANG LEBE DER PETROYUAN
6. CHINA NIMMT EUROLAND BEI DER HAND
7. RUSSLAND UND SÜDAMERIKA – DIE ABKOPPELUNG VOM WESTEN SETZT SICH FORT

In dieser Pressemitteilung stellen wir das 1., 2. und 3. Kapitel vor.

« NO WE CAN’T »

Wie sehr haben sich die Zeiten geändert. Wer denkt schon bei einem Blick nach Amerika heute noch an Worte wie freedom, hope oder an Obamas berühmten Wahlkampfslogan Yes we can, die für frühere Generationen symbolhaft für die amerikanische Gesellschaft, ihre Dynamik und ihre Versprechen von einem möglichen besseren Leben standen. Die Symbolworte heute sind shutdown, tapering und debt ceiling. Das inspiriert keinesfalls und Amerikas positives Image ist ins Negative geschlagen.

Die Lage, in der sich Amerika gerade befindet, bestätigt wieder einmal das alte Sprichwort, dass ein Unglück selten allein kommt. In nur sechs Wochen kam einiges zusammen. Zuerst blamiert sich die amerikanische Außenpolitik in der Syrienkrise und lässt sich von Russland vorführen; dann muss die Zentralbank eingestehen, dass sie das Gelddrucken nicht einstellen kann (4); anschließend kann sich der Kongress nicht auf den neuen Haushalt einigen und die Bundesverwaltung muss die Arbeit einstellen; und der shutdown dauert nun schon länger an, als man sich dies in einem Land mit vernunftbegabten Politikern und Eliten hätte vorstellen können (5); die Verhandlungen über die Anhebung der Schuldengrenze befinden sich gerade einmal zwei Tage vor dem Stichtag in einer Sackgasse; die G20 fordert die USA auf, endlich die Reform des IWF, die sie seit drei Jahren blockieren, zu ratifizieren, während die Weltbank und der IWF sie drängen, endlich ihre Finanzen in Ordnung zu bringen (6). Und als ob all dies nicht genug wäre, kommt dann dieser Paukenschlag aus China.

EINE ABFOLGE VON KRISEN

Diese rasche Abfolge von Krisen ist äußerst beunruhigend für das Land und Beweis für eine bisher nie da gewesene Beschleunigung der Krise und einen unmittelbar bevorstehenden Schock. In Krisen macht sich häufig Resignation breit. Aber Obama hat den Shutdown auch strategisch ausgenutzt, um dadurch den Druck auf die Republikaner zu erhöhen, der Anhebung der Schuldengrenze zuzustimmen. Denn das ist zurzeit der eigentliche Knackpunkt für die USA. Das ist ihm nur teilweise gelungen, aber es bleibt doch zu erwarten, dass es wenigstens zu einer kurzfristigen Anhebung kommen wird, womit das Problem um ein paar Wochen hinausgeschoben würde (7). Genauso möglich ist aber auch, dass die Republikaner die Krise auf die Spitze treiben. Hier versagt die Methode der Politischen Antizipation, da wir uns im Bereich irrationaler Entscheidungen einzelner Personen befinden.

Prämienhöhe für Kreditausfallversicherungen für 10 Millionen $ US- Schulden. Quelle : Markit.
Prämienhöhe für Kreditausfallversicherungen für 10 Millionen $ US- Schulden. Quelle : Markit.
Zwar sehen die Kommentatoren ausschließlich die Tea Party als Schuldigen der Blockade, die mit ihren Stimmen die republikanische Partei als Geisel genommen haben und damit der gesamten amerikanischen Gesellschaft ihren Willen aufzwingen wollen. Aber man kann die Situation auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Viele Amerikaner sind sich des Ernsts der Lage sehr wohl bewusst: Ihr Land ist bankrott. Wäre es da nicht besser, endlich der Realität ins Auge zu sehen, statt das Problem weiter auf die lange Bank zu schieben und es damit noch zu verschärfen? Ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung glaubt, dass eine erklärte Zahlungsunfähigkeit die bessere Option für das Land wäre (8). Welche andere Lösung sollte denn in absehbarer Zeit möglich sein? Gibt es daher nicht auch bei Teilen der moderaten Republikaner die feste Absicht, die Krise endlich virulent werden zu lassen? Das gäbe ihnen die wunderbare Gelegenheit, die Schuld dafür ausschließlich der Tea Party zuzuweisen, die knallhart erklärt „keine Einigung ist besser als ein schlechter Kompromiss.“ (9) Auch die moderaten Republikaner könnten, entweder schon diesmal oder sonst bei einer anderen Gelegenheit in nächster Zukunft, versucht sein, den Gordischen Knoten zu zerschlagen.

Und eine weitere Krise wurde zu strategischen Zwecken genutzt, als nämlich die Fed bei ihrer Absicht, das Quantitative Easing schrittweise zu reduzieren, plötzlich den Rückwärtsgang einlegte. Wieso hat sie bis zuletzt immer getönt, sie werde QE3 reduzieren, um es sich dann im letzten Monat anders zu überlegen? Das war das erste Mal, dass die Fed die Investoren überraschte, die zu 100% davon ausgingen, das tapering werde nun einsetzen; schließlich hat die Fed das Prinzip der forward guidance zu einer ihrer festen Handlungsleitlinien gemacht. Gibt es da etwa eine Verbindung zu den massiven Insiderdelikten, die zum Zeitpunkt der Ankündigung der Fed ans Tageslicht kamen (10), die den Tätern wohl Milliarden Dollar eingebracht haben?

All das bestätigt unsere Annahme, dass hinter diesem Richtungswechsel amerikanische Banken stecken, die mit solchen Operationen Geld verdienen müssen, wenn sie nicht Bankrott gehen wollen; dass darunter die Reputation und die Vertrauenswürdigkeit der Fed leiden, nehmen sie in Kauf. Auch hier werden kurzfristige Lösungen bevorzugt, die die Lage verschlimmern, aber dafür die finale Krise um wenige Wochen verschieben. Inzwischen sind wir nicht mehr die einzigen, die vor der schwierigen Lage der amerikanischen Banken warnen: Auch die britische Zentralbank rechnet mit der Insolvenz von großen Banken, die nach ihrer Auffassung nicht mehr „too big to fail“ wären. Insoweit bestätigen wir unsere diesbezüglichen Warnungen (11).

Die USA taumeln wie ein angeschlagener Boxer; jetzt fehlt nur noch der KO- Schlag. Wenn er ihnen nicht durch die Zahlungsunfähigkeit im Oktober versetzt wird, dann von einer anderen Krise, die ebenfalls so lange verschleppt wurde, bis die Explosion nicht mehr zu verhindern ist.

SHUTDOWN : DIE WELT LACHT EIN BITTERES LACHEN

Wir schrieben in der 77. Ausgabe des GEAB zum Thema des Bundeshaushalts, dass
niemand daran zweifle, dass ein Kompromiss in letzter Minute, oder – wahrscheinlicher -, einige Stunden oder Tage nach dem Stichtag gefunden werde. Nun müssen wir leider feststellen, dass wir die politischen Differenzen in Washington unterschätzt hatten; denn statt einiger Tage, von denen wir ausgingen, werden es nun einige Wochen sein. Die französische Tageszeitung Le Monde machte sogar mit der Schlagzeile auf „Das peinliche Spektakel in Washington“ (12). Aber letztendlich macht sich dieser shutdown an den Finanzmärkten nicht über Gebühr bemerkbar (13). Also dürften viele Republikaner, die sehr gut mit einer Lähmung der Bundesverwaltung und der daraus folgenden Reduzierung der öffentlichen Ausgaben leben können, sich denken, dass doch alles weiterhin im grünen Bereich liege.

Diese Auffassung vertreten nicht die Staaten, die große Volumina von US- Staatsanleihen besitzen. Sie fühlen sich von den USA in Geiselhaft (14) genommen. Sie sind schockiert von der unerträglichen Leichtigkeit der USA und der unverantwortlichen Einstellung des Landes, das bis gestern noch die Führungsnation des Westens und der Welt war. Sollte das Land zahlungsunfähig werden, werden die Schockwellen dramatisch werden. Dennoch wäre dies nicht das Ende der Welt, denn eine eventuelle Zahlungsunfähigkeit könnte sich lediglich als eine Zahlungsverzögerung von wenigen Tagen darstellen. Im Übrigen würden die verschiedenen Regionen der Welt sehr unterschiedlich davon betroffen, abhängig vom Grad ihre An- bzw. Abkoppelung an/von der US- Wirtschaft. Ein Land, das ohne Zweifel unter der amerikanischen Zahlungsunfähigkeit leiden wird, sind die USA selbst. Wir wollen hier noch einmal daran erinnern, dass zwei Drittel der öffentlichen US- Schulden in den USA selbst gehalten werden.

Auffächerung der US- öffentlichen Schulden Rot : ausländische Gläubiger / Braun : private nationale Investoren Blau : öffentliche nationale Gläubiger. Quelle : npr.org.
Auffächerung der US- öffentlichen Schulden Rot : ausländische Gläubiger / Braun : private nationale Investoren Blau : öffentliche nationale Gläubiger. Quelle : npr.org.
Daher haben die Länder, die am weitsichtigsten regiert werden, ihre Absatzbewegungen von den USA schon seit Langem eingeleitet, allen voran China, das schon seit Sun Tzu weiß, dass „wenn der Donner kracht, es zu spät ist, sich die Ohren zuzuhalten“. (15)

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Noten:

(1) Quellen : Xinhuanet (Agentur Neues China, 13/10/2013), RFI (13/10/2013).

(2) Sogar die Financial Times macht nun mit : « Das aktuelle, auf dem Dollar basierende System ist strukturell instabil. » Ein für eine angelsächsische Zeitung bisher undenkbares Eingeständnis.

(3) Das weltweite Echo auf den oben erwähnten chinesischen Artikel zeigt, welche Bedeutung die Welt der Einschätzung der zweitstärksten Weltmacht vom Zustand und der Zukunft Amerikas beimisst, und bestätigt, dass damit China ein lähmendes Tabu gebrochen hat, wodurch endlich möglich wird, neue Wege einzuschlagen, auf die sich eine Mehrheit der Länder schon lange begeben wollten. Vgl. z.B. die exzellente Analyse der Asia Times, 15/10/2013.

(4) Quelle : Bloomberg, 18/09/2013.

(5) Quelle : CNN, 14/10/2013.

(6) Quelle : z.B. PressAfrik, 12/10/2013.

(7) Quelle : New York Times, 15/10/2013.

(8) 58% der Amerikaner würden gegen eine Anhebung der Schuldengrenze stimmen. Quelle: Fox News, 08/10/2013.

(9) Quelle : Le Monde, 15/10/2013.

(10) Quelle : USA Today, 24/09/2013.

(11) Quelle : The Telegraph, 12/10/2013.

(12) Le Monde, 14/10/2013.

(13) Nicht verwunderlich, denn die Fed setzt ihr quantitative easing ungezügelt fort.

(14) Allerdings sind es Geiseln, die über Jahre am Stockholmsyndrom litten, denn sie haben die USA massiv und bereitwillig finanziert.

(15) Sun Tzu, L’art de la guerre, 6. Jhd. vor Christus.

Mercredi 16 Octobre 2013
LEAP/E2020
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GEAB N°90 - Zusammenfassung

- 15. Dezember 2014 -

Umfassende weltweite Krise 2015 – Erdöl, Währungen, Finanzmärkte, Soziales, Mittlerer Osten : Schwerste Stürme ziehen über die westlichen Staaten dahin

- « Umfassende weltweite Krise : Das Ende des Westens, wie er nach dem 2. Weltkrieg entstanden war“
- Die Erdölkrise ist umfassend (systemisch), da sie einhergeht mit dem Ende der Erdölzeit
- Die neue amerikanische Wirklichkeit
- Europa nach der Ukraine-Krise : Viele Fragen bleiben offen
- Drei Aufgaben für das neue Europa : Überwindung der Ukraine-Krise, Wiederbelebung der europäisch- russischen Beziehungen, Vermeidung eines europäischen QE
- Mittlerer Osten : Der große Tanz der traditionellen Bündnisse
- Saudi-Arabien und der Iran : Die Verbündeten wechseln das Lager
- Und was bleibt von den « westlichen Werten » ?
Lesen Sie die Pressemitteilung

2015 – Eine neue Phase der umassenden weltweiten Krise: Die umfassende Erdölkrise
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- Systemische Ölkrise und der Finanzsektor
- Systemische Ölkrise und Geopolitik
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Investitionen, Trends und Empfehlungen

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(vgl. 81. Ausgabe des GEAB von Januar 2014): Erfolgsquote liegt bei 69%
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