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Dreizehn Fragen - und die Antworten von LEAP/E2020 - Zu den weiteren Etappen der Krise (2. Episode)- Auszug GEAB N°30 (18. Dezember 2008) -
Diese Reihe ist im GEAB Nr. 30 vom 15. Dezember 2008 erschienen.
5. Welche sind die wesentlichen aktuellen Risiken für das internationale Finanzsystem? Und sind alle Sparguthaben in der Krise gleich sicher bzw. unsicher? LEAP/E2020: Die Risiken für das internationale Finanzsystem gehen inzwischen von der Realwirtschaft einerseits und von dem Zusammenbruch des Dollar-Währungssystems andererseits aus. Diese Risiken sind immens und gefährlich. Wie wir im GEAB schon vor über einem Jahr schrieben, sind die Banken, die erst wegen ihrer eigenen Fehler (Subprime, Derivate, exzessive Hebelwirkung...) de fakto in die Insolvenz getrieben wurden, inzwischen den Risiken der globalen Rezession ausgesetzt, die wiederum durch die Fehler der Bank ausgelöst wurde. Immer mehr Privathaushalte, Unternehmen, Städte, Gemeinde, Regionen und Staaten werden insolvent. Fürchteten die Banken noch 2008, sich untereinander Geld zu leihen, so getrauen sie sich heute nur noch, den “sichersten” Staaten Geld zur Verfügung zu stellen. Damit machen sie natürlich auch keine Profite mehr aus klassischen Bankgeschäften. Der Banken- und Finanzbereich wird 2009 noch in wildem Fahrwasser sein; wir rechnen mit mehr Bankpleiten als 2008. Bis dahin können auch Staaten, die Banken (oder Privatpersonen) als “sicher” ansehen, der Weltwirtschaft noch viele Überraschungen bereiten. Unsere Leser wissen, dass wir davon ausgehen, dass die USA bis Sommer 2009 Insolvenz erklären muss. Das wird die Wirkung einer “finanziellen Atombombe” haben, die einige der größten und prestigeträchtigsten Banken weltweit von der Erdoberfläche blasen wird. Um welche es sich handelt, ist, wie schon 2007 und 2008, leicht festzustellen, denn es sind die, die die meisten Anlagen in Werten, die auf Dollar lauten, in ihren Bilanzen haben (US-Schatzbriefe, Dollar, Aktien von US-Unternehmen...) Diese Aussage gilt auch für Großbritannien und die Schweiz. Diese beiden Länder, die unterstützende Pfeiler für das internationale Finanzsystem sind, sind 2009 sehr großen Risiken ausgesetzt. Auch stehen Länder, in denen Renten kapitalfinanziert sind, vor sehr schweren Zeiten; wir hatten schon in der 23. Ausgabe des GEAB darüber geschrieben. Wir können schon jetzt feststellen, dass in all diesen Ländern (im wesentlichen die USA, Kanada, Japan, Dänemark, die Niederlande) eine wachsende Zahl von Pensionsfonds gigantische Verluste bekannt geben müssen, und gleichzeitig ihre Gebühren erhöhen und ihre Auszahlungen absenken. In diesen Ländern besteht eine sehr große Gefahr, dass die Regierungen diese Fonds verstaatlichen müssen, um zu verhindern, dass die Bezüge von Millionen Rentnern nicht vollständig ausfallen. Pension-Fonds werden 2009 von Hypothekenbanken, Hedge Fonds und Investment Banken die Rolle der Quellen schlechter Nachrichten übernehmen. Die, die zur Zeit Geld nur kurzfristig angelegt haben, die nicht auf unverkäuflichen Aktien sitzen und die nicht in Ländern investiert haben, die vor dem Staatsbankrott stehen, müssen sich keine Sorgen machen. Die anderen sollten entweder schnell ihre Investitionen abstoßen oder sich auf sehr schlechte Nachrichten einstellen.
Entwicklung von nicht mehr bedienten Kreditkartenschulden in den USA (links) und US-Banken mit den meisten Kreditkartenforderungen in der Bilanz (rechts) - Quelle: Businessweek, 12/2008
6. Ist die Eurozone ein realistisches Schutzschild gegen die schlimmsten Auswirkungen der Krise und was sollte die Eurozone unternehmen, um ihren Schutz zu verbessern?
LEAP/E2020: Aus verschiedenen Gründen, die wir auch schon in vorhergehenden Antworten angeführt haben, funktioniert die Eurozone als bester Schutz gegen den aktuellen finanziellen/geldpolitischen/wirtschaftlichen Tsunami. Die Eurozone ist wie ein hohes Betongebäude gegen die Sturmflut, während andere Länder wie Japan und China nur einstöckige Betongebäude haben. Wieder andere haben nur Holzkonstruktionen (wie die USA und Großbritannien). Die Analogie, denken wir, erfordert keine weiteren Ausführungen dazu, welche Länder am Schlimmsten unter der Flutwelle zu leiden haben wird. Die unten stehende Graphik zeigt, dass sowohl die USA als auch Großbritannien sich immer schneller dem Konkurs nähern. Da der Euro von diesen beiden Ländern unabhängig ist, ist die Gefahr eines Überschwappens der Währungsturbulenzen in die Eurozone im Falle eines Konkurses relativ gering. Für Asien ist dieses Risiko deutlich höher, wie auch für die EU-Länder außerhalb der Eurozone oder die Länder Südamerikas. Aber natürlich ist die Eurozonesituation alles andere als perfekt. Es gibt eine eindeutige Notwendigkeit für regelmäßige Treffen der Staats- und Regierungschefs der Eurozone, so wie sie auch einmal im letzten November zusammen traten. Solches Gipfeltreffen sollten vor jedem EU-Gipfel abgehalten werden, also einmal alle vier Monate. Die Eurozone braucht eine Art Ständiges Sekretariat, das die nationalen Wirtschaftspolitiken der Länder koordinieren und auf Routinebasis mit der EZB (die weiterhin für Geldpolitik verantwortlich wäre), der Kommission und Parlament zusammen arbeiten würde. Gipfel und Sekretariat sind zwei notwendige institutionelle Erneuerungen für eine effiziente Verwaltung der Eurozone, die damit agieren und nicht nur, wie bisher, nur reagieren könnte. Wir denken, dass 2009 sehr rasch eine Entwicklung in dieser Richtung bringen und damit die Eurozone gestärkt wird. Dies aus den folgenden Gründen: - Der neue EU-Präsident wird der Ministerpräsident Tschechiens sein, also aus einem Land, das nicht in der Eurozone ist, der als euroskeptisch gilt, dessen Präsidentschaftsprogramm keine wichtigen Themen für die Eurozone berücksichtigt, und der in seinem Land sehr unpopulär ist. Diese Faktoren werden ganz natürlich dazu führen, dass die Eurozone sich stärker von der EU-Präsidentschaft abkoppeln und neben den üblichen EU-Verfahren Wege finden muss, ihre Prioritäten behandelt zu sehen. Wie man an den Ergebnissen des GlobalEurometers ablesen kann, unterstützt heute eine fast einstimmige Mehrheit der Europäer diese Entwicklung (94% im Dezember verglichen mit 63% im Oktober); diese Entwicklung der öffentlichen Meinung wird auch die Politiker nicht unberührt lassen. - Die in der Krise wachsenden sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten wird die Politiker der Eurozone immer mehr dazu zwingen, nach neuen Mitteln und Maßnahmen zu suchen. Innerhalb der Eurozone müssen solche Mittel und Maßnahmen Gemeinschaftsaktionen aller Eurozonen-Länder sein. - Weiterhin glauben wir auch aus eher psycho-politischen Gründen daran, dass der Präsident Frankreichs Sarkozy weiterhin seine Idee einer Eurozonepräsidentschaft verfolgen wird (die selbstverständlich ihm zufallen soll). Daran wird er nicht nur festhalten, weil diese Idee sehr kompatibel mit französischen Verwaltungskonzepten ist. Vielmehr braucht er, bald seiner besonderen Aura als Präsident Europas verlustig und der wachsenden Desillusionierung seiner Landsleute mit seinem Krisenmanagement (die auch Gordon Brown in den nächsten Wochen erfahren müssen wird) ausgesetzt, einen wichtigen politischen Erfolg, um sich von den harten sozial-wirtschaftlichen Realitäten Frankreichs absetzen zu können.
Entwicklung innerhalb eines Monats in der prozentualen Insolvenzwahrscheinlichkeit – Quelle: BIS, 11/2008
7. Steht das Bretton Woods II-System vor dem Zusammenbruch? Sollte der Euro die Rolle des Dollars übernehmen?
LEAP/E2020: Wir wir schon in vorher gehenden Antworten gesagt haben, lebt das Bretton-Woods-System von 1944 und 1971 bis 1976 modifiert seine letzten Momente. Die Epoche des Dollars als alleiniges Zahlungsmittel für Erdölkäufe geht zu Ende. Wir wir schon Anfang 2006 vorher gesagt haben, versuchen alle erdölproduzierenden Länder, von Russland über Iran bis Venezuela, bald auch die Ölmonarchien des Persischen Golfs, immer intensiver, ihre Geschäfte auch in anderen Währungen abzuwickeln. Die Frage ist nicht mehr, ob der Dollar seinen Status als alleiniges Zahlungsmittel für Erdöl verlieren wird, sondern nur noch, ob diese Entwicklung sich im Chaos vollziehen wird, wie dies aktuell der Fall ist, oder ob sie eingerahmt und geordnet wird. Unsere Auffassung hierzu ist eindeutig: Die Welt braucht einen Rahmen für diese Entwicklung, denn das gegenwärtige Chaos ist zum Teil auch verantwortlich für die gigantischen Preisschwankungen für Energie, die zur globalen Instabilität beitragen. Und für unsere Forscher ist genauso klar, dass eine Ersetzung des Dollars durch den Euro verhindert werden muss. Dies aus zwei Gründen: - Zum einen ist der Status als alleiniges Zahlungsmittel für Energie langfristig ein Fluch, wie man an den USA heute sehen kann; denn es macht ein Land bequem und läßt es den klaren Blick auf die sich wandelnden Realitäten verlieren. Ein kurzfristig privilegierter Status ist langfristig Ursache für schwere Krisen für ein Land und seine Partner. - Zum anderen ist diese Situation auch für die ölproduzierenden Staaten wegen der übermäßigen Abhängigkeit von einem Land und seiner Wirtschaft auf lange Sicht problemträchtig, auch wenn es auf kurze Sicht angenehm einfach zu sein scheint. Damit ist es weder im Interesse der Europäer noch der ölproduzierenden Länder, den Dollar durch den Euro beerben zu lassen. Vielmehr glauben wir, dass es im Interesse aller wäre, den Preis für Energie im allgemeinen und Öl im besonderen in einer globalen Korbwährung zu ermitteln, der sich aus den wichtigen Währungen der Welt zusammen setzt und somit die Wirklichkeit der globalen Wirtschaft und des Energiemarkts am besten wiederspiegelt. In dieser Korbwährung wären die Währung der großen Wirtschaftsräume der Welt vertreten (Euro, Dollar, Yen, Yuan, Real...) sowie der großen Energielieferanten (Rubel, zukünftige gemeinsame Währung der Staaten des Persischen Golfs...); die Zusammensetzung des Korbes müsste alle zehn Jahre überprüft und, wenn notwendig, neu gewichtet werden, was sich auch auf die Stimmrechte in der zu errichtenden Weltzentralbank auswirken würde, deren Aufgabe die Verwaltung dieser Korbwährung wäre. Wir gehen davon aus, dass, wenn der Prozess der Schaffung einer globalen Korbwährung nicht bis Mitte 2009 angestoßen wird, der schwankende Dollarkurs und schwankende Ölpreise, gepaart mit den massiv steigenden US-Schulden, die globale Wirtschaftskrise noch deutlich verschärfen werden und mit einem vollständigen Zusammenbruch des internationalen Währungssystems bis Sommer 2009 zu rechnen ist. 8. Was können wir von dem nächsten G20-Treffen in London erwarten? LEAP/E2020: G20-Treffen sind der schlagkräftige Beweis, dass die von den angelsächsischen Ländern plus EU und Japan dominierte wirtschaftliche und finanzielle Weltordnung der Vergangenheit angehört. Andere Länder drängen in den Kreis der “World Player” und werden sich nicht wieder hinaus drängen lassen. Aber bisher sind diese neuen Länder noch bereit, nach den alten Regeln zu spielen. Diese Übergangsphase dürfte wohl nicht länger als ein Jahr anauern. Dann wird der G20 anfangen, tatsächlich seine Rolle als “Motor” der neuen Welt-Governance zu übernehmen und muss sich mit der Gretchenfrage der Krise beschäftigen, nämlich wie der Dollar als Zentrum des internationalen Währungssystems ersetzt werden kann. Bis dahin wird der G20 lediglich ein Diskussionskränzchen sein. Deshalb erwarten wir auch nichts von dem nächsten Treffen in London. Aber es ist davon auszugehen, dass schon auf dem dritten Treffen, falls es noch vor dem Sommer 2009 statt finden sollte, sich die Lage schon verändert haben wird. Aber dafür dürfte dieses Treffen weder in den USA noch in Großbritannien statt finden. Genf oder Wien könnten geeignete Orte sein, wohl auch Singapur oder Tokio. Und schon in der Vorbereitung muss die Frage nach dem Ersatz für den Dollar auf den Tisch. Wenn der G20 in seine Arbeiten nicht die Möglichkeit eines US-Staatsbankrotts und eines Zusammenbruchs des internationalen Währungssystems bis Sommer 2009 einbezieht und dafür Vorsorge treffen kann, wird die Welt in einem solchen Chaos versinken, dass sogar nicht ausgeschlossen werden kann, dass der G20 selbst dies nicht überleben wird. Jeudi 30 Avril 2009
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