Die umfassende weltweite Krise: Juni 2009 – Die Welt verläßt endültig ihren die letzten 60 Jahre gültigen Bezugsrahmen


- Pressemitteilung des GEAB vom 18. Mai 2009 -



Die umfassende weltweite Krise: Juni 2009 – Die Welt verläßt endültig ihren die letzten 60 Jahre gültigen Bezugsrahmen
Die Entwicklung an den Aktienmärkten und bei den Finanzindizes sowie die Kommentare aus der Politik zur Krise und ihrer Bewältigung während der letzten zwei Monate sind surreal; wir er hören den Schwanengesang des Bezugssystems, in dem die Welt seit 1945 lebt.

Schon im Januar 2007 hatten wir in der 11. Ausgabe des GEAB eine vergleichbare Situation beschrieben: Zum Jahreswechsel 2006/2007 wurde der Beginn der Rezession von einem „statistischen Nebel“ begleitet, der den Passagieren der Titanic verschleiern sollte, dass ihr Schiff im Sinken begriffen war (1). Heute stellen wir die Behauptung auf: In diesem Frühjahr 2009 hat die Welt das Koordinatensystem verlassen, mit dessen Hilfe sich die Entscheider in Wirtschaft, Finanzen und Politik in einem gegebenen Bezugsrahmen orientieren konnten. Dies gilt insbesondere, weil seit dem Zerfall des Ostblocks 1989 dieses Koordinatensystem ausgedünnt und auf die USA konzentriert wurde. Es war damit schon seit vielen Jahren nur noch bedingt in der Lage, die Wirklichkeit abzubilden. Nun aber, genauer ab dem Sommer 2009, navigieren die Entscheider in terra incognita. Das bedeutet, dass alle Orientierungshilfsmittel, alle Indikatoren, die bisher genutzt wurden, um Entscheidungen zu treffen über Investitionen, Rentabilität, Unternehmensansiedlungen, Eingehen von Joint venture etc., ihre Aussagekraft verloren haben. Sie funktionierten ausschließlich im bisherigen Koordinatensystem. Ab dem Sommer 2009 müssen Entscheidungen auf andere Hilfsmittel und Überlegungen gestützt werden, um schwerwiegende Fehler zu vermeiden.

Diese Entwicklung hat sich in den letzten Monaten unter der Wirkung von zwei wichtigen Trends verstärkt:
. Zum einen haben die verzweifelten Versuche zur Rettung des globalen Finanzsystems, und insbs. ihrer britischen und amerikanischen Bestandteile, wesentlich dazu beigetragen, die bisher noch verläßlichen „Navigationsinstrumente“ zu zerschlagen; sie wurden durch die verschiedenartigsten Manipulationen, die die Banken, die Regierungen und die Zentralbanken vornahmen, unbrauchbar und tragen nun mit ihren widersprüchlichen oder inkoheränten „Messergebnissen“ sogar noch zur Verunsicherung bei. Die Aktienmärkte sind dafür das beste Beispiel. Bisher galten sie noch als Indikatoren über den Zustand der Wirtschaft. Heute zweifeln alle, dass die Kurssprünge der letzten Wochen eine verläßliche Aussage über die Wirtschaftsentwicklung vermitteln könnten. Übrigens verfehlten diese Manipulationen auch noch ihr Ziel: Die zwei unten stehenden Schaubilder zeigen eindrücklich, dass die Rangliste der weltweit wichtigsten Banken ganz neu gemischt wurde. Im Jahr 2007 ging insoweit die britische und amerikanische Dominanz verloren.
. Zum anderen haben die astronomischen Summen, die in nur einem Jahr in das globale Finanzsystem und insbesondere in die US-Banken gepumpt wurden, dazu geführt, dass die Banker und Politiker den Bezug zur Realität vollständig verloren haben. Man hat den Eindruck, dass sie alle von der Taucherkrankheit befallen sind, bei der der Taucher das Gefühl für oben und unten verliert und statt, wie beabsichtigt, aufzusteigen, immer tiefer abtaucht. Die Geldkrankheit scheint identisch auf das Gehirn und den Organismus zu wirken.

Navigationsinstrumente und Orientierungshilfen unbrauchbar oder irreführend, Orientierungslosigkeit der Wirtschaftsführer und Politiker… das sind die beiden entscheidenden Faktoren, die dazu führen, dass das
internationale System sehr bald ohne Kompass und Karte in terra incognita unterwegs sein muss.

Die zwanzig größten Banken weltweit, gemessen am Aktienwert  (in Milliarden USD) - Quelle: Financial Times, 05/2009
Die zwanzig größten Banken weltweit, gemessen am Aktienwert (in Milliarden USD) - Quelle: Financial Times, 05/2009

Die zwanzig größten Banken weltweit, gemessen am Aktienwert (in Milliarden USD) - Quelle: Financial Times, 05/2009
Die zwanzig größten Banken weltweit, gemessen am Aktienwert (in Milliarden USD) - Quelle: Financial Times, 05/2009
Das ist natürlich kennzeichnend für jede umfassende, inzwischen neudeutsch „systemische“ Krise. In der aktuellen Situation treten immer mehr Ereignisse ein und setzen Tendenzen sich durch, die in all den vorherigen Jahrhunderten ohne Beispiel sind. Das beweist, bis zu welchem Maße diese Krise in der modernen Geschichte einzigartig ist. Die einzige Möglichkeit, sich über das Ausmaß der Veränderungen Klarheit zu verschaffen, besteht darin, die heutige Lage aus einer mehrhundertjährigen Perspektive zu betrachten. Wenn man nur die Statistiken der letzten Jahrzehnte heranzieht, öffnet man nicht den Blick auf das Ganze und verstrickt sich in Details.

Wir wollen hier drei Beispiele anführen, die zeigen, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben, wie er sich nur alle zwei- oder dreihundert Jahre ereignet:

1. 2009 hat der Leitzins der Bank von England seinen seit der Gründung dieser altehrwürdigen Institution im Jahr 1694 (vor 315 Jahren) niedrigsten Stand erreicht (0,5%).

Entwicklung des Leitzinssatzes der Bank von England seit ihrer Gründung im Jahr 1694 - Quelle: Bank von England, 05/2009
Entwicklung des Leitzinssatzes der Bank von England seit ihrer Gründung im Jahr 1694 - Quelle: Bank von England, 05/2009
2. Die Caisse des Dépôts et Consignations ist seit 1816 die Bank des französischen Staates. Sie hat alle Regimewechsel und Staatsformen von König über Kaiser zur Republik überstanden. 2008 musste sie, nach 193 Jahren, ihren ersten Verlust verzeichnen (2).

3. Im April 2009 wurde China der wichtigste Handelspartner Brasiliens. In mehr als zweihundert Jahren gab es davor nur einmal einen Wechsel. Vor China waren die USA der wichtigste Handelspartner Brasiliens, und vor den USA das Britische Reich (bis 1930) (3). Offensichtlich läßt sich an der Bedeutung der Handelspartnerschaft mit Brasilien viel über die Stellung eines Landes in der Welt ablesen: Die erste Weltmacht ist auch erster Handelspartner Brasiliens.

Wir wollen uns hier nicht damit aufhalten, die vielen Trends zu beleuchten, die sich gerade in den USA jenseits von dem bewegen, was dort über hundert Jahre „üblich“ war; jenseits von hundert Jahren kann man in dem sich so schnell und grundlegend verändernden Amerika nicht von einem gültigen Bezugsrahmen oder einer dauerhaften Norm sprechen. Wir begnügen uns damit, sie kommentarlos aufzulisten: Wertverlust des Dollars, öffentliche Defizite, öffentliche Schulden, Handelsbilanzdefizite, Zusammenbruch des Immobilienmarktes, Bankenverluste… (4) Alles sprengt das bisher Vorstellbare.

Natürlich kommen solche Beispiele in dem Land, das im Epizentrum der Krise liegt, besonders häufig vor; wir haben schon seit 2006 ausführlich in den Ausgaben des GEAB darüber berichtet. Was aber neu ist und dazu führt, dass sechzig Jahre lang Gültiges heute seine Gültigkeit verliert, ist die Tatsache, dass so viele Länder und so viele Sektoren betroffen sind. Wenn nur ein Land oder nur ein Sektor betroffen wäre, wäre diese Krise nur eine, wie es schon viele vor ihr gab. Aber diese Krise trifft im internationalen System viele wichtige Länder und viele Wirtschafts- und Finanzsektoren gleichzeitig. Das macht die Krise zu einer Krise, wie sie in zwei- oder dreihundert Jahren nur einmal eintritt.

Inflationsbereinigte Entwicklung der Aktienmärkte  während der vier letzten großen Wirtschaftskrisen (grau: 1929, rot: 1973, grün: 2000, und blau: gegenwärtige Krise) – Quelle: Dshort/Commerzbank, 17/04/2009
Inflationsbereinigte Entwicklung der Aktienmärkte während der vier letzten großen Wirtschaftskrisen (grau: 1929, rot: 1973, grün: 2000, und blau: gegenwärtige Krise) – Quelle: Dshort/Commerzbank, 17/04/2009
Um diesen historische Perspektive und den bildlichen Vergleich zu Ende zu führen: Wir wollen noch einmal unterstreichen, dass dieses Verlassen eines über Jahrhunderte gültigen Koordinatensystems sich im Schaubild mit einer Kurve darstellen läßt, die plötzlich den seit Jahrundert gültigen und ausreichenden Schaubildrahmen für die Darstellung von Entwicklungen und Werten sprengt. Und immer mehr Länder und immer mehr Sektoren sind von dieser Entwicklung betroffen. Damit verlieren die Indikatoren, die täglich, wöchentlich oder monatlich von den Börsen, den Regierungen oder den Statistikbehörden für ihre Arbeit genutzt werden, immer weiter ihre Aussagekraft. Somit setzt sich allgemein die Kenntnis durch, dass die üblichen Hilfsmittel und Erklärungsansätze nicht mehr aussreichend sind, um die gegenwärtige globale Entwicklung zu verstehen bzw. wenigstens darzustellen. Die Welt wird daher im Sommer 2009 sich ohne Karte und Kompass in unbekanntem Gelände wiederfinden.

Es bleibt natürlich jedem belassen, aus irgendwelchen monatlichen Abweichungen irgendwelcher Wirtschafts- oder Finanzindizes um ein oder mehrere Prozentpunkte rauf oder runter, die darüber hinaus auch noch von staatlichen oder Banken-Interventionen beeinflusst wurden, mehr über die Entwicklung der gegenwärtigen Krise ablesen zu wollen als aus Vergleichen mit Entwicklungen, die mehrere Jahrhunderte abdecken, und die nachweisen, dass eine solch Situation ein Novum ist. Natürlich ist auch jedem belassen zu glauben, dass die, die weder die Krise noch ihr Ausmaß vorher zu sehen vermochten, heute in der Lage sind, vorher zu sehen, wann die Krise überwunden sein wird.

All denen empfehlen wir aber, sich den Film « Matrix » zu Gemüte zu führen und sich Gedanken darüber zu machen, wie verzerrend und irreführend eine Umgebung wahr genommen wird, wenn alle Wahrnehmungsmöglichkeiten und Sinnesorgane manipuliert wurden (5).

In dieser 35. Ausgabe des GEAB geben wir Hinweise zu den Indikatoren, die selbst in dieser Übergangsphase von einem bekannten Bezugsrahmen in unbekanntes Terrain verläßliche Informationen über die Entwicklung der Krise und das Wirtschafts- und Finanzumfeld vermitteln können.

Die zwei weiteren großen Themen dieser Ausgabe des GEAB vom Mai 2009 sind zum einen das unvermeidbare Scheitern der amerikanischen und chinesischen Konjunkturprogramme, zum anderen der Gang Großbritanniens zum IWF (noch im Sommer 2009)

Und in den Empfehlungen äußern wir uns in der 35. Ausgabe zu den Entwicklungen an den wichtigen Immobilienmärkten weltweit sowie dem Markt für Staatsanleihen.


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Noten:

(1) Wir schrieben damals: wie immer beim Übergang von einer Phase in die nächste kommt beim Überschreiten des Nullpunkts „statistischer Nebel“ auf, in dem die Indikatoren in entgegen gesetzte Richtungen zeigen und die Messungen widersprüchliche Ergebnisse bringen, bei denen die möglichen Messabweichungen größer sind als die erzielten Messergebnisse. In der Welt von 2007 ist der Untergang, der die Welt in Atem halten wird, nicht der der Titanic, sondern der USA; wir haben beschlossen, diesen Untergang die „Very Great Depression“ zu nennen. Zum einen, weil die Great Depression bereits der Name der Krise nach 1929 ist. Zum anderen, weil wir davon ausgehen, dass die Natur und das Ausmaß diese Krise von einer wesentlicher größeren Dimension sein werden. Quelle: GEAB N°11, 15/01/2007

(2) Quelle: France24, 16/04/2009

(3) Quelle: TheLatinAmericanist, 06/05/2009

(4) Die Politiker und die Wirtschaftswissenschaftler vergleichen die heutige Krise weiterhin mit der von 1929, als ob diese ein nützlicher Bezugspunkt sein könnte. Dabei wirken in den USA Trends, die in vielen Bereichen weit über das hinaus gehen, was in der Great Depression kennzeichnend war. Wir haben schon in der 31. Ausgabe des GEAB darauf hingewiesen, dass die weltweite Krise von 1873 bis 1886 mit der heutigen eher vergleichbar wäre. Für Entsprechendes müssen wir also über ein Jahrhundert zurück blicken.

(5) In der Matrix-Filmserie werden alle Sinneswahrnehmungen der Menschen informationstechnisch so manipuliert, dass sie glauben, ein komfortables Leben zu führen, während sie in Wirklichkeit in Elend dahin vegetieren

Lundi 18 Mai 2009

GEAB N°43 - Zusammenfassung

- 16. März 2010 -

In der Krise verliert die Finanzwirtschaft ihre Vorrangstellung in der Weltwirtschaft; die Macht von Londoner City und Wall Street schwindet
Als LEAP im Februar 2006 vorhersagte, dass eine Krise von ungeheurem Ausmaß vor dem Ausbruch stünde, für die wir den Namen „umfassende weltweite Krise“ wählten, gründeten wir unsere Voraussage auf eine ganzheitliche Analyse, die nicht nur wirtschaftliche, finanzielle und Währungs-Faktoren berücksichtigte, sondern gerade auch das geopolitische Umfeld. Mit Hilfe dieser ganzheitlichen Analyse wagen wir auch heute die Voraussage, dass in der Welt, die aus der Krise hervorgehen wird, die Realwirtschaft wieder die ihr zustehende zentrale Rolle in der Wirtschaftstätigkeit einnehmen wird, aus der sie in den letzten Jahrzehnten durch die virtuelle Wirtschaft der Finanzindustrie gedrängt worden war... (Seite 2)
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Die fünf Abschnitte der weltweiten Phase des Zerfalls der Welt – und öffentlichen Ordnung (Seite 8)
Beginn der Phase der Auflösung der Welt- und öffentlichen Ordnung (Seite 13)

1. Abschnitt: Währungskonflikte und Finanzkatastrophen (Seite 13)
2. Abschnitt: Handelskonflikte (Seite 15)
3. Abschnitt: Staatenpleiten (Seite 15)
4. Abschnitt: soziale und politische Krisen und Unruhen (Seite 17)
5. Abschnitt: Außenpolitische Krisen (Seite 18)
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Vorsicht Gefahr: Eine Rangliste von acht Staaten, deren Anleihen noch giftiger sind als die griechischen
Unter Verwendung der neuesten Informationen hat das LEAP/E2020-Team seine Rangliste der konkursgefährdeten Staaten vom Herbst 2009 noch einmal überprüft und angereichert. Daraus ergibt sich eindeutig, dass acht Staaten in einer heikleren Situation sind als Griechenland. Das bestätigt unserer Vorhersage, dass Griechenland nur der Baum ist, hinter dem man den Wald nicht sieht… (Seite 19)
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Strategische und praktische Empfehlungen
Devisen, Aktien/Anleihen; Wie lässt sich der Grad des politischen und sozialen Risikos eines Landes messen? (Seite 21)
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Der GlobalEurometer - Ergebnisse & Auswertung
Auch bei den Sorgen über soziale und politische Unruhen wechselt die Mehrheit wieder die Seite, und zwar mit Brio. Inzwischen teilen 76% diese Sorgen, während im Vormonat noch 57% glaubten, dass es nicht dazu kommen werde… (Seite 24)
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