Die erste Hälfte des Jahrzehnts steht im Zeichen einer Auflösung der Welt- und öffentlichen Ordnung


- Auszug aus dem Buch "Nach der Krise - Auf dem Weg in die Welt von Morgen" von Franck Biancheri, Forschungsdirektor des LEAP und GEABskoordinator -



Die erste Hälfte des Jahrzehnts steht im Zeichen einer Auflösung der Welt- und öffentlichen Ordnung
Da die Entscheider in Politik und Wirtschaft unfähig waren, die Krise vorherzusehen, konnte sie sich verselbständigen und schafft inzwischen die eigenen Bedingungen ihres Fortgangs. Die Rettungsaktionen für die Finanzmärkte und Banken durch die Vereinigten Staaten, Europa, China, Japan und andere Länder, für die im Jahr 2009 bisher unvorstellbare Summen aufgebracht wurden, haben nur zwei Dinge bewirkt: Die großen Banken wurden gerettet und die konkreten Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt ausreichend gedämpft, um die Gefahr von sozialen und politischen Unruhen zumindest momentan zu bannen. Aber der Preis, der dafür zu zahlen war, ist extrem hoch: Die Verschuldung der Staaten wuchs bis jenseits des Erträglichen an; und ein großer Teil der Weltwirtschaft (ungefähr 30%) wandelte sich in eine reine Zombie- Wirtschaft, kann also nur noch dank öffentlicher Subventionen oder buchhalterischer Kreativität existieren. Gleichzeitig verloren die Menschen der westlichen Staaten weiter Vertrauen in ihre politische Klasse, von denen sie, zu Recht, den Verdacht haben, nicht mehr Vertreter des Volkes, sondern des Geldadels zu sein.

Dies sind jedoch nur die offensichtlich sichtbaren und letztendlich nur kurzund mittelfristigen Auswirkungen der Krise. Denn in der Krise verwirklichen sich weitere, ältere Trends, die die Welt, wie wir sie bisher kannten, tiefgreifender und längerfristiger verändern werden. Dazu zählen insbesondere der Wiederaufstieg Chinas und Indiens zu global führenden Nationen und der Untergang einer Welt, in der der Westen der Nabel und Maßstab alle Dinge in Politik und Wirtschaft war. Die Entwicklung der Welt im kommenden Jahrzehnt wird durch diese beiden Trends der Krise, also Finanz- und Wirtschaftskrise und Aufstieg Asiens, bestimmt werden. Die Trends sind miteinander verbunden, beeinflussen und verstärken sich daher. Sie sind aber nicht die zwei Seiten einer Medaille. Jahrhunderttrends sind auf Sicht von zehn Jahren gewissermaßen Tatsachen, mit denen man sich abfinden muss, weil man sie nicht ändern kann. Man kann sich lediglich darauf vorbereiten. Hingegen können die kurz- und mittelfristigen Trends, also die von einer Dauer von zwei bis fünf Jahren, durch menschliche Entscheidungen unmittelbar beeinflusst und verändert werden. Menschliche Entscheidungen können dabei die der Entscheider in Politik und Wirtschaft oder auch der einfachen Menschen in ihrer Masse sein.

Die erste Hälfte des kommenden Jahrzehnts wird sowohl durch die längerfristigen Trends, die den Westen aus seiner globalen Vormachtstellung katapultieren, als auch die Auswirkungen der Finanzkrise und vor allen Dingen die Reaktionen auf sie geprägt werden. Denn um die Banken und Finanzmärkte zu retten, überschuldeten sich die Staaten jenseits jeglicher Vernunft. Insbesondere die USA, ohne die die Vormachtstellung des Westens in den letzten 60 Jahren undenkbar war, sind hoffnungslos verschuldet (1). Da China das Hauptelement – und der Hauptnutznießer – des langfristigen Trends des Wiederaufstiegs asiatischer Staaten in eine globale Führungsrolle ist, und die USA im Zentrum der Finanzkrise und ihrer Folgen stehen, ist offensichtlich, dass die amerikanisch-chinesischen Beziehungen für Rhythmus und die Schwere der Katastrophen entscheidend sein werden, die bis zur Mitte des folgenden Jahrzehnts über uns hereinbrechen. Doch auch andere Kräfte werden ihren Anteil an den kommenden Entwicklungen haben: Mächte, die neu auf dem Schachbrett der internationalen Beziehungen auftauchen, solche, die noch nicht verstanden haben, dass ihre Blütezeit zu Ende gegangen ist, und solche, die zu neuer Stärke finden (2). Sie alle werden versuchen, die Entwicklungen zu bestimmen oder darauf zu reagieren. Ihre Entscheidungen werden sowohl von der Entwicklung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen sowie ihren Einschätzungen über die allgemeinen globalen Trends der kommenden Jahrzehnte abhängen. Dabei können neue und Erfolg versprechende Initiativen, die verhindern würden, dass ein großer Teil der Welt in Chaos fällt, und die ermöglichen würden, bis 2020 eine neue und dauerhafte Weltordnung zu schaffen, nur von den neuen und wiedererstarkten Kräfte ausgehen. Von den USA jedenfalls sollte die Welt sich nichts erwarten. Wenn man sich die Ereignisse seit Ausbruch der Krise vor Augen hält, wird deutlich, dass den Amerikaner und Chinesen wenig Optionen offenstehen, mit denen sie einen Konflikt vermeiden könnten, der beiden Staaten nur schaden wird.

Weder die chinesische noch die amerikanische Regierung scheint in der Lage zu sein, in anderen Kategorien als der Förderung/Verteidigung der eigenen, unmittelbaren Interessen zu denken. Ihr Konflikt und die sich daraus auch innenpolitisch ergebenden Konsequenzen werden ihre gesamte Aufmerksamkeit absorbieren. Daher wird ihnen keine Kapazitäten mehr bleiben, sich Gedanken über die globale Zukunft zu machen. Natürlich ist nicht gewährleistet, dass die anderen Akteure verhindern können, dass die Welt von Morgen sich in ein Nullsummenspiel und damit in eine endlose Reihe von Konflikten zwischen Blöcken verwandelt. Dass es zu solchen zwischen China und Amerika kommen wird, ist sicher; ob es auch zwischen den anderen Mächten dazu kommen wird, entscheiden diese mit ihrer Politik und ihren Weichenstellungen selbst. Das ist auch der Grund, warum in diesem Buch zwei verschiedene Szenarien für die Zukunft entworfen werden. Die Unterschiede zwischen ihnen sind das Ergebnis richtiger oder falscher Politik. Ab 2015 werden die Szenarien, je nach Weichenstellung, deutlich voneinander abweichen.

Aber ich will hier nicht das Ende des Buchs vorwegnehmen. Vielmehr sollen erst im Einzelnen die möglichen Entwicklung der entscheidenden geopolitischen Akteure von 2010 bis 2020 und der allgemeine Rahmen ihrer wechselseitigen Beziehungen analysiert werden.

Diese möglichen Entwicklungen werden eine Abfolge von Ereignissen sein, die zu einem Zerfall der gegenwärtigen Weltordnung führen werden. Entscheidend dabei werden sein:
Zum einen der Zusammenbruch oder die Handlungsunfähigkeit der wichtigen internationalen Organisationen und der Zentralstellen des globalen Finanz- und Wirtschaftssystems.

Zum anderen wie sich die wichtigen geopolitischen Akteure USA, die EU, Russland, Asien und Latein-Amerika entwickeln werden; einige warden bedeutungsloser werden, andere werden sich neu organisieren und damit an Bedeutung gewinnen.

"Nach der Krise - Auf dem Weg in die Welt von Morgen" von Franck Biancheri, Anticipolis Verlag
Zusammenfassung
Information
Autor
Anticipolis Verlag

-----------
Noten:

(1) Es mag wohl überraschen, dass ich der Überzeugung bin, dass die USA kein wichtiger Akteur der langfristigen Trends sind, die gerade dabei sind, Wirksamkeit zu entfalten. Aber sie waren in der globalen Weltordnung lediglich der Statthalter Europas, als Europa im 20. Jahrhundert seine schmerzhafte Wandlung von einer Ansammlung europäischer Mächte in „die europäische Macht“ vollzog. Die Europäische Union könnte neben China, Indien und Russland zu einer der neuen globalen Mächte des 21. Jahrhunderts heranwachsen. Dabei würde ihr Aufstieg von der Tatsache erleichtert, dass sie als globaler Akteur bis in die neunziger Jahre hinein nicht existierte. Erst der Fall der Berliner ermöglichte den Quantensprung im Prozess der europäischen Integration. Ich werde im weiteren Verlauf des Buchs noch auf diesen Aspekt näher eingehen

(2) In diese letzte Kategorie sind Russland, China, Indien … und die EU einzuordnen. Diese Staaten (bzw. Für die EU „staatsähnlichen Gebilde“) waren in ihrer Geschichte schon einmal Großmächte. Hingegen sind Brasilien oder auch Süd-Afrika wirklich neue Akteure in der Geopolitik. Und die USA sind heute ohne Zweifel eine Weltmacht der Vergangenheit.

Samedi 5 Février 2011
Franck Biancheri
Lu 18005 fois

GEAB N°75 - Zusammenfassung

- 16. Mai 2013 -

Umfassende weltweite Krise 2013: Hinter den Aktienkursrekorden lauert die globale Rezession
Die Weltwirtschaft verliert deutlich an Fahrt und eine allgemeine Rezession zeichnet sich ab. Die verschiedenen Akteure sind sich dessen sehr wohl bewusst und angesichts der Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Konjunktureinbruchs legen die Staaten und Regionen verschiedene Strategien auf, mit denen die Folgen gedämpft werden sollen… (Seite 2)
Lesen Sie die Pressemitteilung

BoJ, Fed, EZB : Unterschiedliche Methoden, unterschiedliche Zukunftsaussichten
Um den Ablauf der umfassenden weltweiten Krise verstehen zu können, sollte man wissen, welche Handlungsoptionen die Zentralbanken besitzen, inwieweit ihre Einflussmöglichkeiten begrenzt sind, welche Vorteile und welche Nachteile sich aus ihren Maßnahmen ergeben. Deshalb wollen wir hier die Leitlinien der Politiken der wichtigsten westlichen Zentralbanken vorstellen… (Seite 11)
Abonnieren Sie

GEAB- Dollar – und – Euro- Index
Der traditionelle Dollar- Index, den die Finanzmärkte nutzen, ist ein Indikator, der die tatsächliche Wertentwicklung des Dollars nicht mehr richtig wiedergibt. Wir
präsentieren daher unseren üblichen GEAB- $ - Index, dem wir einen GEAB- €- Index zur Seite stellen … (Seite 16)
Abonnieren Sie

Strategische und praktische Empfehlungen
. Trennung der Märkte für Papiergold und physisches Gold
. Europäische Staatsanleihen : Die EZB bestimmt, wo es langgeht
. Aktienmärkte : Wenn QE Geld regnen lässt ! … (Seite 19)
Abonnieren Sie

GlobalEurometer - Ergebnisse und Auswertung
Die allgemein in der Umfrage zum Ausdruck kommende Stimmung kann zumindest als getrübt bezeichnet werden. Besonders auffallend sind die Antworten auf die Fragen nach dem Vertrauen in unsere Politiker, die Eurokrise in den Griff zu bekommen, das diesen Monat geradezu zusammengebrochen ist, nach der Angst vor Vermögensverlusten, die deutlich angewachsen ist… (Seite 22)
Abonnieren Sie