Die Zukunft der USA /2012-2016 (2. Teil) - Die wirtschaftliche Todesspirale: Rezession/Depression/Inflation


- Auszug GEAB N°60 (17. Dezember 2011) -



Die Zukunft der USA /2012-2016 (2. Teil) - Die wirtschaftliche Todesspirale: Rezession/Depression/Inflation
Die USA beenden das Jahr 2011 in einem Zustand der Schwäche wie nie seit dem Bürgerkrieg. Auf der internationalen Bühne habe sie ihre Führungsrolle eingebüßt. Die Spannungen zwischen den Blöcken nehmen zu und die USA sind an fast allen Streitigkeiten beteiligt: China, Russland, Brasilien (eigentlich mit allen Ländern Süd-Amerikas) und nunmehr auch Euroland (1). Gleichzeitig verbessert sich die Lage auf dem US-Arbeitsmarkt, auf dem die reelle Arbeitslosigkeit bei 20% liegt, kaum, obwohl die Zahl der aktiven Personen in der Bevölkerung stetig und wie noch nie zuvor zurückgeht; sie ist nunmehr auf den Stand von 2001 gefallen (2).

Die Preise für Immobilien, die zusammen mit Aktienbesitz den Hauptteil des Reichtums der US-Privathaushalte bilden, gehen trotz der verzweifelten Versuche der Fed (3), mit zinslosen Krediten die Wirtschaft anzukurbeln, Jahr für Jahr weiter zurück. In den Bilanzen der amerikanischen Banken stehen weitaus mehr zweifelhafte Finanzderivate als in denen der europäischen (4). Es besteht die konkrete Gefahr, dass einige von ihnen bald zahlungsunfähig werden; der Bankrott von MF Global ist insofern ein Vorzeichen für das, was kommen könnte, und hat wieder einmal gezeigt, dass drei Jahre nach dem Beinahe-Absturz der Wall Street Finanzaufsicht dort ein rein theoretisches Konzept bleibt (5).

Mit jedem Tag nimmt die Armut in den USA zu. Inzwischen ist jeder sechste Amerikaner auf den Bezug von Lebensmittelkarten (6) angewiesen und jedes fünfte Kind war schon einmal Opfer von Obdachlosigkeit (7). Die öffentliche Daseinsvorsorge (Bildung, Soziales, Polizei, Straßen) wurde quer durch das Land eingeschränkt, da die Staaten, Kreise und Gemeinden sie nicht mehr bezahlen können. Die Unterstützung, die die die Proteste der Mittelklasse und der Jungen, also TP und OWS, laut Meinungsumfragen bei vielen Amerikanern gefunden haben, ist die unmittelbare Folge der Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Amerikaner in ihrem täglichen Leben mit den realen Protestgründen konfrontiert werden. Diese Trends werden sich in den kommenden Jahren verstärken.

Der Schwächezustand der US-Wirtschaft und – Gesellschaft ist paradoxerweise das Ergebnis der 2009/2010 durchgeführten Rettungsversuche (Konjunkturprogramme, QE) sowie der Verschärfung einer allgemeinen Lage, die schon vor dem Ausbruch der Krise alles andere als rosig war. 2012 wird das erste Jahr sein, in der die Situation sich von einem bereits sehr schlechten Niveau aus noch einmal verschlechtern wird (8).

Die kleinen und mittleren Unternehmen, die Kreise, Städte und Gemeinden (9), die öffentlichen Unternehmen der Daseinsvorsorge usw. verfügen über keine Finanzreserven mehr, die sie durch die neue Rezessionsphase bringen könnten (10). Wir hatten vorhergesagt, dass 2012 der Wert des Dollars im Vergleich zu den anderen großen Weltwährungen um 30% fallen werde. Da die USA fast alle Konsumgüter einführen, bedeutet dies einen unmittelbaren Kaufkraftverfall in der gleichen Größenordnung. Gleichzeitig wird die Kaufkraft durch eine Inflation im zweistelligen Bereich weiter geschwächt.

TP und OWS haben also ihre besten Tage noch vor sich. Denn die Wut des Jahres 2011 wird sich 2012/2013 in rasenden Zorn wandeln. Und wir gehen davon aus, dass niemand so sehr geeignet sein wird, diesen Zorn in geordnete Bahnen zu lenken, wie ein General in Uniform.

2012 wird die große Herausforderung für die US- Finanzinstitutionen darin bestehen, genug Geld aufzutreiben, um das riesige US- Defizit finanzieren zu können. Das erklärt auch, warum sich seit dem Sommer 2011 die Angriffe auf den Euro und Euroland zahlreicher und schwerer wurden. Ein Konkurrent soll aus dem Weg geschafft werden. In der kommenden, 61. Ausgabe des GEAB werden wir herausarbeiten, dass 2012 ein Wendepunkt am Markt für US-Staatsanleihen erreicht wird. Und die neue Lage wird für die US- Staatsfinanzierung eine wahre Katastrophe sein (11). Wir hatten schon 2009 anhand einer erstmaligen Berechnung der sich in der Krise in Luft auflösenden Scheinwerte vorhergesagt, dass in den kommenden Jahren weltweit nicht mehr genug Sparvermögen zur Verfügung stehen werde, um die Defizite der westlichen Staaten zu finanzieren. Inzwischen bestätigt uns die OECD in dieser Auffassung (12). Das erklärt, warum Großbritannien und die USA in ihren Versuchen, an das verbleibende Kapital zu kommen, immer aggressivere Methoden anwenden. Euroland, das nach objektiven Kriterien für Investoren attraktiver sein müsste, ist dabei der Wettbewerber, der aus dem Weg geräumt werden muss.

Teil des BIP, der aufgewandt werden muss, um das Schuldenniveau auf dem Stand von 2010 zu halten (orangefarben) oder bis 2026 auf 60% des BIP zurückzuführen (blau) (als % des BIP) - Quellen: OCDE, Société Générale, 11/2011
Teil des BIP, der aufgewandt werden muss, um das Schuldenniveau auf dem Stand von 2010 zu halten (orangefarben) oder bis 2026 auf 60% des BIP zurückzuführen (blau) (als % des BIP) - Quellen: OCDE, Société Générale, 11/2011
Die US- Todesspirale aus Rezession, Depression und Inflation wird daher in den USA ein politisches und soziales Chaos von einem Ausmaß und Wucht auslösen wie nie zuvor in der modernen Geschichte Amerikas. Wir sind davon überzeugt, dass das politische System Washingtons keine Ahnung hat, welcher Sturm sich in Richtung USA bewegt.

Wir wollen ein Beispiel für die Unfähigkeit des politischen Apparats, die Wirklichkeit wahrzunehmen, präsentieren: Das Pentagon will nicht akzeptieren, sein Budget in den kommenden fünf Jahren um fünf Prozent zu kürzen. Den Verantwortlichen ist also überhaupt nicht ersichtlich, was auf sie in Wirklichkeit an Budgetkürzungen zukommt. Angesichts der institutionellen Lähmung des Landes und insbesondere des wirtschaftlichen und finanziellen Schocks des kommenden Jahres sollten sie sich auf eine Reduzierung ihres Budgets um 50% einstellen. Das ist jedoch außerhalb des Vorstellungsvermögens der hohen Offiziere und Beamten. Aber was undenkbar erscheint, muss nicht unmöglich sein. Wie hätten die Chefs von Lehman, AIG und der anderen großen Banken und Fonds an Wall Street wohl reagiert, wenn man sie 2007 gefragt hätte, ob Wall Street zusammenbrechen könne? Wie hätten wohl die Sowjetgeneräle reagiert, wenn man sie gefragt hätte, ob es möglich sei, dass die Sowjetunion in vier Jahren zu existieren aufgehört haben und ihr Budget auf fast Null reduziert sein wird? In einer Krise wird „unmöglich“ und „undenkbar“ häufig verwechselt. Und dann kommt der Moment, in dem die Wirklichkeit in Kollision mit dem Wunschdenken gerät und das „Unmögliche“ sich lediglich als „bisher undenkbar“ entpuppt.

Da ist es dann unvermeidlich, dass auch die US-Banken 2012 einem neuen Blutbad ausgesetzt sein werden. Wie wir schon in der 58. Ausgabe ausführten, werden, genau wie in Japan und Europa, zwischen 10% und 20% von ihnen in Konkurs gehen (13). Die Finanzderivate in ihren Bilanzen werden ihren Zusammenbruch verursachen, wenn die europäische Schuldenkrise zuerst die City in die Knie zwingen wird und anschließend auch die „Werte“ der US-Banken als reine Makulatur entlarven wird.

Für die USA ist im Jahr 2013 (14) Hyperinflation eine sehr realistische Eventualität , wenn der Regierung in Washington und in die Bundesstaaten jegliche Mittel zur Umsetzung staatlicher Maßnahmen fehlen werden und das Finanzsystem zusammenbricht, weil niemand , weder die öffentliche Hand noch die privaten Haushalte aufgrund ihrer Überschuldung mehr in der Lage ist, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.

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Noten:

(1) Wie schrieb doch Rudyard Kipling in seinem wunderbaren Gedicht « Wenn »: „Kannst du die Wahrheit sehn, die du gesprochen,
Verdreht als Köder für den Pöbelhauf; Dir treu sein kannst, wenn alle dich verlassen /Und dennoch ihren Wankelmut verzeih'n/ Läßt dich mit Lügnern nie auf Lügen ein / Kannst du dem Hasser deinen Haß versagen/Und doch dem Unrecht unversöhnlich sein / Dein ist die Erde dann mit allem Gut... „ (übertragen ins Deutsche von Lothar Sauer) Dieser Rat gilt nicht nur für Einzelne, sondern auch für Gesellschaften. Und ein Literaturfreund in unserem Team zitierte diese Passage des Gedichts angesichts einer Diskussion über die Berichterstattung der angelsächsischen Medien zu Euroland und Eurokrise. Aber mit der Isolierung Großbritanniens in der EU und der sich beschleunigenden Integration Eurolands (wie wir es vorhergesehen hatten), können wir feststellen, dass in Euroland eine psychologische Barriere durchbrochen wurde: Jetzt muss nicht mehr Rücksicht auf die besonderen Wünsche unsere angelsächsischen „Verbündeten“ genommen werden; es geht jetzt darum, sich gegen die Angriffe der angelsächsischen Gegner Eurolands und des Euros zur Wehr zu setzen. Im Gegensatz zu den großen Medien und Experten in den Diensten von Wall Street und City verschwenden die Euroländer keine Zeit damit, „Worte als Köder für den Pöbelhauf“ zu verdrehen. Vielmehr nehmen sie die Wirklichkeit, wie sie ist, gehen beharrlich ihren Weg und kappen eine Leine nach der anderen, mit der sie an die angelsächsischen Finanzzentren gebunden sind; bald werden sie auch die politischen Leinen kappen. Wir wollen uns nicht des Vergnügens berauben, unseren Lesern ein weiteres Beispiel der Meinungsmache der angelsächsischen Medien zu präsentieren, die inzwischen eine Spezialität der meisten britischen und amerikanischen Medien geworden ist. In unserer Rubrik „verdrehte Worte der Lügner für den Pöbelhauf“ stellen wir einen Artikel von MarketWatch vom 14.12.2011 mit dem Titel Money mangager fear eurozone breakup vor. Was aber liest man in dem Artikel? Dass sie überwiegend (75% von ihnen) von der Sorge getrieben waren, dass die US-Bonitätsnote herabgestuft werden könnte, wobei 48% von ihnen damit im nächsten Jahr rechneten, während nur 44% von ihnen meinten, dass das Risiko bestände, dass eines Tages (ohne konkretes Datum!) ein Land aus der Eurozone ausscheren könnte. Eine ehrliche Schlagzeile hätte also lauten müssen: Geldmanager fürchten Herabstufung der US-Staatsanleihen. Aber wie heißt es doch: Im Krieg und in der Liebe ist jedes Mittel Recht.

(2) Gleichzeitig wuchs die US-Gesamtbevölkerung um 30 Millionen, also um 10%. Quelle: Washington Post, 02/12/2011

(3) Wir gehen davon aus, dass in den Jahren 2013/2014 sich für den Kongress dank einer massiven Unterstützung der öffentlichen Meinung die bisher undenkbare Möglichkeit bieten wird, die Zerschlagung der Fed durchzusetzen. Die Gegnerschaft der Tea-Party-Bewegung zu den Bundesinstitutionen und die Proteste der OWS gegen Wall Street überlappen sich in dieser Frage in wunderbarer Weise.

(4) Quelle: New York Times, 24/11/2011

(5) Auch hier haben wieder einmal die Rating-Agenturen, allen voran Moody’s, nichts vorhergesehen. Denn bis Sommerende 2011 erhielt MF Global noch Höchstnoten, während in Wirklichkeit die Verantwortlichen schon die Konten ihrer Kunden anzapften, um die Zahlungsunfähigkeit hinauszuschieben. Vielleicht ist dieses Detail für diejenigen, die glauben, ihr Vermögen werde an Wall Street und in der City bestmöglich verwaltet, „food for thought“.

(6) Quellen: MSNBC, 11/2011; RT, 08/12/2011

(7) Das sind Zahlen, die man eigentlich nur in Ländern der Dritten Welt erwarten würde. Zur Lage von obdachlosen Kindern ein Video auf Beforeitsnews, 29/11/2011

(8) Das Land hat seine Fähigkeit zum Wirtschaftswachstum verloren, erklärt Gregor McDonald in SeekingAlpha vom 05/12/2011.

(9) Quelle: Washington Post, 29/11/2011

(10) In Wahrheit ist das Land seit 2008 nie aus der Rezession gekommen, auch wenn dank der makro-ökonomischen Maßnahmen die Zahlen anderes aussagen. Aber von Makro-Ökonomie können sich eben nur Wirtschaftswissenschaftler ernähren.

(11) Wer glauben mag, dass die Fed mit den anderen Zentralbanken vor einem Monat mit ihren Maßnahmen beabsichtigte, Euroland unter die Arme zu greifen, kennt schlecht die Motive typischer US-Einsätze: Die USA engagieren sich außerhalb ihrer Landesgrenzen nur, wenn sie der Auffassung sind, dass ihre unmittelbaren Interessen es erfordern. Bei den Maßnahmen der Fed ging es allein darum, die eigenen Banken und Finanzinstitute zu schützen, die mit ihren Bilanzen voller toxischer Forderungen und Finanzderivaten, von denen niemand den Marktwert bestimmen kann, am Rande des Abgrunds wanken. Allein die Fed steht schützend vor Wall Street und verhindert ihren Zusammenbruch. Die Fed weiß sehr wohl, dass Euroland und seine „Schuldenkrise“ die Zündschnur an der britischen und US-Schuldenbombe ist. Also schüttet sie nach Möglichkeit Wasser darauf.

(12) Quelle: Financial Times, 11/12/2011

(13) Darüber hinaus häufen sich Klagen gegen die Banken. Quelle: Le Monde, 04/12/2011

(14) Insbesondere wenn, wovon wir ausgehen, Euroland gegen Ende 2012 immer mehr dazu übergehen wird, mit Nachdruck zu versuchen, den Euro als Zahlungsmittel all seiner Außenhandelsgeschäfte durchzusetzen, einschließlich der Bezahlung von Energielieferungen. Die Entscheidung der euroländischen Banken, ihre Geschäftstätigkeiten in Dollar zu reduzieren, nachdem die Banken der Wall Street und der City ihnen ohne Vorwarnung den Dollarhahn zugedreht hatten (sie haben ihren Bedarf von 1.300 Milliarden Dollar auf nunmehr 800 Milliarden gesenkt und dürften 2012 wohl nur noch 500 Milliarden benötigen), wird ab Ende 2012 zweierlei bewirken: Ein starker Rückgang der Dollarnachfrage weltweit und eine Zunahme der Kreditvergabe in Euro. Da auch zunehmend der Handel zwischen den BRICS in deren Währungen abgewickelt wird und gleichzeitig im asiatischen Raum der Yuan immer stärkere Verbreitung findet, werden 2012 zwei weitere große Währungsräume entstehen. Der Zusammenbruch der Nachfrage nach Dollar für den weltweiten Handel wird dazu führen, dass unvorstellbare Dollarmassen in die USA zurückfließen werden und zu der Hyperinflation beitragen, die wir für 2013 vorhersagen. Quelle: New York Times, 01/12/2011

Lundi 2 Avril 2012
LEAP/E2020
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