Die US-Gesellschaft bricht zusammen: Die US-Mittelklasse wird im wegbrechenden Immobilienmarkt und in der gewaltigen Einkommenskluft, die größer ist als vor 1928, verschlungen


- Auszug GEAB N°14 (18. April 2007) -



Die US-Gesellschaft bricht zusammen: Die US-Mittelklasse wird im wegbrechenden Immobilienmarkt und in der gewaltigen Einkommenskluft, die größer ist als vor 1928, verschlungen
Das Platzen der US-Immobilienblase, das LEAP/E2020 schon seit Februar 2006 vorhersagte, ist nunmehr der Dreh- und Angelpunkt einer sozialen und wirtschaftlichen Katastrophe, die unmittelbar das Leben von Abermillionen von Amerikanern erschüttert, und deren Auswirkungen sich mit jedem Tag weiter in das Finanzsystem des Landes hineinfressen.

Entwicklung der Zahlungsrückstände auf Hypothekenkredite
Entwicklung der Zahlungsrückstände auf Hypothekenkredite
Nunmehr nimmt das Phänomen eine historische Dimension an, denn selbst nach der Einschätzung der Vereinigung der amerikanischen Immobilienmakler (die über jeglichen Verdacht erhaben ist, ein pessimistisches Bild zeichnen zu wollen) wird 2007 das erste Jahr seit mindestens 38 Jahren sein , in dem die Immobilienpreise fallen werden (und für einen Vergleich mit einer noch längeren Zeitspanne liegen keine Zahlen vor, da der zugrunde liegende Index erst seit 1968 erstellt wird). Der prognostizierte Preisrückgang von ungefähr 1% stimmt im übrigen mit den Vorhersagen des Chef-Volkswirtschaftlers von Fanny Mae, David Berson, überein, die im Februar veröffentlicht wurden . Im übrigen weitet sich die Krise, wie von uns vorhergesagt, aus, denn nicht nur die risikobehafteten "subprime" Immobilienkredite sind inzwischen in Schieflage, sondern auch die Immobilienkredite für prima facie solventere Kunden, ja sogar die schlichen Verbraucherkredite für Kraftfahrzeuge, Küchengeräte etc.

Auch wenn die großen amerikanischen oder internationalen Banken, die in Amerika tätig sind, weiterhin fieberhaft und mit Unterstützung der US-Regierung versuchen, die Fiktion aufrecht zu erhalten, dass "die Immobilienkrise nicht auf andere Wirtschaftsbereiche übergreift", dass "es eine sanfte Landung geben wird", dass "die Wirtschaft durch Unternehmensinvestitionen angekurbelt wird", oder auch dass "die Auslandsnachfrage einsetzen werde" (jeder Tag bringt eine neue Theorie), so ist es doch für unsere Forscher eindeutig: "Das Kind ist schon in den Brunnen gefallen". Für eine große Zahl von Amerikaner ist die entscheidende Frage auch nicht mehr, ob die US-Wirtschaft bereits in Rezession ist , sondern nur noch, wann dies endlich von den offiziellen Stellen eingestanden wird und wie bedeutend die Wirtschafskrise, sowohl in Dauer als auch in ihren Auswirkungen, sein wird.

Rezession ist nur noch für die amerikanische Zentralbank und die großen Geschäftsbanken ein Tabuwort. Und dies mit gutem Grund, denn:
- Würde die Zentralbank eine Rezession eingestehen, müßte sie ihre Leitzinsen zu senken (was sie nach Auffassung von LEAP/E2020 bis Ende des Frühjahrs 2007 sowieso wird machen müssen). Das möchte sie aber vermeiden, um den weiteren Absturz des Dollars und die Inflation nicht noch weiter zu beschleunigen;
- würden die großen Banken eine Rezession eingestehen (Goldmann Sachs, Morgan Stanley, Merrill Lynch...), würden sie damit eigenhändig die Nadel in die Kreditblase stechen, auf der sie seit einigen Jahren so einträglich reiten .

Schulden der amerikanischen Haushalte prozentual zum PIB
Schulden der amerikanischen Haushalte prozentual zum PIB
Für die amerikanische Zentralbank genausowie für die großen Finanzinstitute, mit denen sie aufs Engste verknüpft ist (vgl. 2. und 8. Ausgabe des GEAB) ist Rezession oder gar Depression natürlich das schlimmst mögliche Szenario. Nicht nur würden sie alle gemeinsam ganz wesentlich den Auswirkungen dieser Krise brutal ausgesetzt, darüber hinaus würden sie auch noch schwere Vorwürfe treffen, diese Very Great Depression verschuldet zu haben. Aber auch so finden Schuldzuweisungen ihren Weg schon in die Finanzmedien, was man an einem Artikel von Christine Richard ablesen kann, der den Titel trägt: "Die Leidtragenden der Risikenhypothekenkrise klagen Bear, Crédit Suisse, JPMorgan, Morgan Stanley... an" . Wenn die Krise an Fahrt aufnimmt, werden sich alle großen einheimischen oder auf dem amerikanischen Markt tätigen Banken und Finanzinstitute sehr bald in einem finanziellen und rechtlichen Malstrom wiederfinden, und die Zahl der Klagen gegen Geschäftsführer und Finanzmakler sowie die Zahl der Bankrotte und der Entlassungen wird explodieren.

Zur Zeit versuchen die Banken und Finanzinstitute noch, ihre bedeutenden Verluste zu kaschieren, indem sie buchhalterische Kniffe anwenden, wie z.B. den FAS 159 , der es ihnen ermöglicht, Verluste (insbs. aus dem Bereich der Risikohypotheken) unmittelbar als Kapitalverringerung statt als Ertragsminderung zu verbuchen .

Aber bevor wir im Einzelnen die vier bestimmenden Tendenzen des folgenden Quartals beschreiben, möchte die LEAP/E2020-Forschungsgruppe noch eingehender die soziale und politische Dimension der aktuellen schweren Krise in den USA beleuchten . Wie in den hervorragenden Forschungen von Thomas Piketty und Emmanuel Saez über die Entwicklung der hohen Einkommen kürzlich herausgearbeitet, ist die Schere der Einkommensunterschiede heute wieder so weit aufgegangen wie zuletzt am Vorabend der Great Depression Ende der zwanziger Jahre. Während der Faktor des Einkommens der 0,01% Reichsten zu dem des Durchschnitts der 90% Ärmsten im Laufe der Jahre 1950 bis 1980 zwischen 170 bis 180 schwankte, sprang er bis zum Jahr 2005 auf einen Faktor von 880, erreichte also ungefähr das Größenverhältnis von 1928 (891). Die unten stehende Graphik beleuchtet sehr deutlich, dass in der US-Gesellschaft wieder Einkommensunterschiede herrschen wie in der Zeit vor 1929.

Anteil der 10% reichsten Haushalte am nationalen Einkommen
Anteil der 10% reichsten Haushalte am nationalen Einkommen
Über eine rein wirtschaftliche Analyse und Bewertung hinausgehend, bestätigt diese extreme Einkommensdiskrepanz der LEAP/E2020-Forschungsgruppe, dass der Beginn der "Very Great Depression" das Ereignis sein wird, das die Geschichte mit dem Jahr 2007 verbinden wird, denn damit sind soziale und politischen Spannungen quasi unausweichlich: Der starke Anstieg an Räumungen der unter Zwangsvollstreckung fallenden Häuser führt das vor Augen - und die Depression wird die Zahl der Räumungen vervielfältigen. Die US-Gesellschaft ist dabei, sich in zwei Klassen aufzuspalten: Eine sehr arm, die andere sehr reich. Und wer im Jahr 2007 noch zur Mittelschicht gehörte, wird in die Unterschicht abrutschen.

Unsere Wissenschaftler sind sich einig: Die aktuellen wirtschaftlichen Probleme werden, weil sie auf weitreichende historische Verschiebungen, die die seit Jahrzehnten bestehenden sozialen und politischen Gleichgewichte durcheinander bringen, aufsatteln, eine um ein Vielfaches erhöhte Zerstörungskraft für die US-Gesellschaft entwickeln als die Great Depression in den Jahren nach 1929. Wie wir bereits in der vorhergehenden Ausgabe des GEAB dargelegt haben, brach die Wirtschaftskrise von 1929 zu einer Zeit aus, als die Macht und Bedeutung Amerikas im Aufstieg war. Die unterschwelligen grundlegenden Tendenzen waren damit für die USA, unabhängig von den momentanen Wirtschaftsschwierigkeiten, positiv. Die heutige Depression bricht in einem umgekehrten geschichtlichen Kontext über Amerika herein. Wenn spätestens Ende April 2007 der Krümmungspunkt der Aufprallphase der umfassenden weltweiten Krise durchlaufen sein wird, werden sich die Entwicklungen beschleunigen, die Auswirkungen der Krise sich verstärken und damit auch für eine größere Zahl von Menschen spürbar werden.

Das Beispiel von Circuit City Stores, der zweitgrößten US-Einzelhandelsupermarktkette für Elektrogeräte, ist ein perfekter Beleg für diese These. Ende März gab das Unternehmen bekannt, dass es 3400 Verkäufer entlassen werde, also 8,5% der Gesamtbeschäftigen. Der Grund: Ihre zu hohen Gehälter (10-11 USD/Stunde). Jedoch werde das Unternehmen eine gleiche Zahl von Personen einstellen allerdings zu einem deutlich reduzierten Gehalt (8 USD/Stunde) . Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht schlägt sich das Abgleiten der Mittelschicht in die Unterschicht in diesem Fall auch noch statistisch als positive Nachricht über die Schaffung von Arbeitsplätzen nieder.

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Noten:

(1) Quelle : National Association of Realtors, v. 04.2007

(2) Quellen : « Housing still on down slope », MarketWatch/DowJones, v. 08.02.2007 und OFHEO (Office of Federal Housing Enterprise Oversight).

(3) Inzwischen gehen 60% der Amerikaner von einer Rezession in den nächsten zwölf Monaten aus.Quelle : « Most americans see recession in the next 12 months », Bloomberg, v.11.04.2007

(4) So auch die Ansicht der Experten der Bank of America hinsichtlich Merryll Lynch. Quelle : « Merryll’s subprime risk high », New-York Post. 29.03.2007

(5) “Subprime Losers Blame Bear, Credit Suisse, JPM, Morgan Stanley “, Bloomberg, v. 11.04.2007

(6) Als Beispiel unter den vielen Artikeln, die inzwischen darüber in der amerikanischen Presse erscheinen: « Countrywide leads insiders selling spreee », TheStreet.com, v. 23.03.2007

(7) Quelle : “Statement of financial accounting standards N°159”, Financial Accounting Standards Board, v. 02.2007

(8) Quelle : “U.S. accounting change sparks mortgage bond sales”, Reuters, v. 04.04.2007

(9) “The evolution of top incomes : a historical and international perspective”, Thomas Piketty und Emmanuel Saez, Econometrics Laboratory Software Archives, University of Berkeley, 2006

(1) Beispielsweise beliefen sich die Verkäufe von in Zwangsvollstreckung befindlichen Liegenschaften in Kalifornien im März auf 15% der gesamten Verkaufszahlen am Immobilienmarkt. Wenn man die lokale amerikanische Presse durchforstet, die vor Artikeln über dieses Thema strotzt, kann man sich ein ausreichendes Bild über das Ausmaß des Phänomens machen, das auch auf der Atlantikseite der USA in Boston die Zwangsvollstreckungszahlen Monat für Monat zu neuen Rekorden treibt. Quellen : Central Valley Business Times, v. 05.04.2007 ; Boston Herald, v. 29.03.2007

(11) Quelle : Chicago Tribune, v. 29.03.2007

Vendredi 31 Août 2007


GEAB N°46 - Zusammenfassung

- 17. Juni 2010 -

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